Von der Ungleichheit im Alter zu der in der Jugend. Oder warum die Bildungspolitik ganz zentral zu einer modernen Sozialpolitik gehört

Ich hatte im letzten Beitrag ausgeführt, dass das Thema Altersarmut, mit dem wir uns noch genauer befassen werden, letztendlich als ein Beispiel für die heftig diskutierte Behauptung steht, dass es in unserer Gesellschaft eine zunehmende Ungleichheit geben würde. Und gerade der Blick auf die älteren Menschen zeigt, dass auf der einen Seite die Zahl der altersarmen Menschen tatsächlich nicht nur gestiegen, sondern in den zurückliegenden Jahren innerhalb der heterogenen Gruppe der altersarmen Menschen sogar überdurchschnittlich stark angestiegen ist. Aber – und das ist mir wichtig an dieser Stelle – man muss zugleich auch darauf hinweisen, dass es viele ältere Menschen gibt, die aufgrund ihrer Einkommens- und Vermögenslage im Alter materiell hervorragend ausgestattet ihren Lebensabend werden verbringen können. Denen es sehr gut geht. Was man an diesem Beispiel feststellen muss, findet man auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen: eine zunehmende Polarisierung, zwischen „unten“ und „oben“, zwischen „arm“ und „reich“ (die Anführungszeichen sollen einen Hinweis geben, dass diese Begriffe eben nicht voraussetzungslos verwendet werden können, sondern operationalisiert werden müssen und dass es durchaus, auch in der Wissenschaft, kontroverse Debatten darüber gibt, ob und wann jemand „arm“ oder „reich“ ist).

An der Stelle hatte ich ausgeführt, dass die (behauptete) Polarisierung zwischen armen und reichen älteren Menschen auch am an anderen Ende der Lebensspanne, also bei den Kindern und Jugendlichen, beobachtet werden kann. Sie alle werden aus eigener Anschauung und Erleben wissen, dass viele junge Menschen das Glück haben, in Familien aufwachsen zu können, in denen es ihnen materiell sehr gut geht und in denen sie oft auch massiv gefördert werden durch ihre Eltern. Zugleich aber muss man zur Kenntnis nehmen, dass es in den letzten Jahren zahlreiche Berichte gab und immer noch gibt, in denen das Problem einer steigenden bzw. auf hohem Niveau verharrenden Kinder- und Jugendarmut aufgerufen wird.

➔ Exkurs zum Thema Kinder- und Jugendarmut: »Seit Jahren ist Kinderarmut eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen in Deutschland. Unsere neue Analyse zeigt, dass es im bundesweiten Durchschnitt keine grundlegende Verbesserung gab. Die Corona-Krise droht das Problem der Kinderarmut zu verschärfen.« So die Bertelsmann-Stiftung im Juli 2020 unter der Überschrift Kinderarmut: Eine unbearbeitete Großbaustelle. »Nach wie vor überschattet Armut den Alltag von mehr als einem Fünftel aller Kinder in Deutschland. Das sind 21,3 Prozent bzw. 2,8 Mio. Kinder und Jugendliche unter 18, die oft viele Jahre ihrer Kindheit von Armut bedroht sind. Das ist das Ergebnis eines kombinierten Messansatzes, der sowohl die Armutsgefährdungsquote als auch Kinder im Grundsicherungsbezug berücksichtigt.«

Speziell zum Thema Jugendarmut wurde erst diese Tage eine neue Veröffentlichung vorgelegt:

➔ Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) (2020): Monitor Jugendarmut in Deutschland 2020, Düsseldorf, Oktober 2020

Der Monitor „Jugendarmut in Deutschland“ wird alle zwei Jahre veröffentlicht und nimmt als „Jugendliche“ die Altersgruppe der 14-27-Jährigen in den Blick. Aus dem neuesten Bericht nur einige Hinweise: »Mit der Coronakrise wurden die Unterschiede in den Lebensverhältnissen plötzlich neu beleuchtet: Während einige Familien mit Haus, Garten und Homeoffice gut durch diese Zeit kamen, verloren andere ihr Einkommen und Homeschooling war in kleinen Wohnungen ohne WLAN keine Option. Das traf arme Jugendliche besonders hart. Denn in der Jugendphase haben sie zentrale Herausforderungen zu bewältigen, müssen sich bilden, ausprobieren und selbstständig werden. In dieser Lebensphase, in der sie durch Schulbildung, Berufsbildung und Wahl des Wohnorts wichtige Entscheidungen über ihr ganzes weiteres Leben treffen, entscheidet sich auch, ob Teilhabe gelingt.«

Das Beispiel „Bildungstrichter“

Die angesprochene Polarisierung kann man auch hinsichtlich der Bildungsbiografien (die ja oft die entscheidenden Grundlagen legen für die späteren Erwerbsbiografien und daraus abgeleiteter Aspekte wie Lebenseinkommen, Arbeitsbedingungen, Risiken der Erwerbslosigkeit oder der Erwerbsminderung). In diesem Zusammenhang möchte ich Sie auf die folgende Abbildung aufmerksam machen:

Die ausgeprägte soziale Selektivität beim (Nicht-)Durchlaufen des formalen Bildungssystems ist ein Thema, das schon seit vielen Jahren gerade mit Blick auf die besondere Ausprägung in Deutschland kritisch diskutiert wurde und wird (vgl. als eines der vielen Beispiele dazu meinen Beitrag Soziale Selektivität der Hochschulen: Beim „Bildungstrichter“ kommen von denen, die oben reinkommen, unten teilweise nur ganz wenige raus. Und man muss sich hier unten als oben denken vom 13. Mai 2018.

Aus diesen Zahlen, vor allem aber angesichts der Stellschrauben-Funktion, die formale Bildungsabschlüsse in unserer Gesellschaft haben, wird deutlich, dass Bildungspolitik eine zentrale Bedeutung hat, wenn es darum gehen sollte, die weitere Auseinanderentwicklung aufzuhalten oder gar teilweise zu verringern. Wenn das ein Ziel sein sollte. 

Wir bewegen uns in einem höchst komplexen Geflecht an unterschiedlichen Stellschrauben und Einflussfaktoren, die sich nicht selten der guten Absicht entziehen. Nur als ein Beispiel dazu der Beitrag Wer schafft es nach oben?von Martin Spiewak vom 8. Mai 2018: »Auf dem Weg … (nach oben) gilt es jedoch, viele Hürden zu überwinden: die Schwelle zum Gymnasium, jene zur Oberstufe und zum Abitur und dann den Übergang auf die Hochschule. Und über jede einzelne Hürde – das hat die Bildungsforschung vielfach gezeigt – stolpern Kinder aus weniger gebildeten Familien häufiger. Man spricht deshalb von einer „akkumulierten Ungleichheit“. Wobei die selektivste Schwelle gleich die erste ist. Der Bildungsforscher Martin Neugebauer von der FU Berlin hat das einmal anhand einer Kohorte aus Arbeiterhaushalten nachgezeichnet. „Am Ende der Grundschule“, sagt Neugebauer, „gehen die meisten Kinder verloren.“ Weil sie geringere Leistungen erbringen. Weil sie keine Eltern haben, die sie fördern. Weil ihnen Lehrer wenig zutrauen. Dass diese Selektion in Deutschland so früh ansetzt – nämlich in den meisten Bundesländern nach der vierten Klasse –, wirkt sich besonders nachhaltig aus. „Je früher man differenziert, desto unklarer sind die Prognosen“, sagt Neugebauer. Wer früh aussortiert, kann eben leicht danebenliegen.« Da ist sie wieder, die durchaus berechtigte Systemfrage. Und auch: »Die soziale Herkunft lässt sich nicht neutralisieren, ganz egal, wie die Umwege, Anschlüsse und Aufstiege bis zum Abitur auch aussehen. Und gleichgültig, welche Hebel und Stützen die Bildungspolitik einsetzt, um den Schwachen unter die Arme zu greifen – die Starken bedienen sich der Fördermöglichkeiten mit der größten Selbstverständlichkeit ebenso.« Und eine weitere Stärkung des Arguments, auf die Systeme (und die tatsächlichen Prozesse, die darin ablaufen) zu schauen: » Überdurchschnittliche Intelligenz und großer Fleiß helfen beim Bildungsaufstieg, doch notwendig sind sie nicht unbedingt – wenn man die richtigen Eltern hat. Man kann diese Ungerechtigkeit als Skandal brandmarken oder als normales Merkmal jeder Gesellschaft betrachten. Einen Bildungstrichter findet man nämlich in jedem Land der Welt. Auch die beschriebenen sozialen Mechanismen – Einfluss des Elternhauses, Streben nach Statuserhalt, Risikoaversion – wirken universell. „Es gelingt nur einigen Ländern überdurchschnittlich gut, die Herkunftsunterschiede auszugleichen“, sagt Karl Ulrich Mayer. Kanada und die Niederlande gehören zum Beispiel dazu sowie die meisten skandinavischen Länder.«

Aber er spricht auch einen wichtigen und Ungleichheit verstärkenden Einflussfaktor an, den man auf keinen Fall wegdiskutieren sollte und kann und gegen den es „die Systeme“ ziemlich schwer haben: »Vor einer Illusion sei jedoch gewarnt: Aus dem Trichter wird niemals ein Rohr. Bildungsungleichheit wird es immer geben … Als Schicksalskorrekturanstalten sind Kitas, Schulen und Universitäten nur bedingt tauglich. Dafür ist der Einfluss der Eltern einfach zu mächtig. Damit ist nicht die genetische Mitgift gemeint, auch wenn kein Zweifel daran besteht, dass Intelligenz auch genetische Ursachen hat und damit ebenso der Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und Schichtzugehörigkeit. Genauso wichtig ist der kulturelle und soziale Grundstock, den die Eltern ihrem Kind mitgeben und damit Lernfreude und Denkvermögen mehr prägen, als es je ein Lehrer oder eine Lehrerin vermag.«

Vor diesem Hintergrund wird sicher verständlich, warum man keine Sozialpolitik ohne Bildungspolitik betreiben kann. Es sei denn, man will gar nicht, dass sich die Ungleichheiten weiter verstärken und man will keine Ressourcen einsetzen, um denen, die es wesentlich schwerer haben als andere Kinder und Jugendliche, eine Hilfestellung zu geben, aufzusteigen. Und man sollte nicht unterschätzen, wie viele das sind, die das aus welchen Gründen auch immer nicht wollen.