„Die“ Geburtenrate, ihre Entwicklung unter Berücksichtigung der Corona-Pandemie bis hin zu einem alternden Europa – und China

Ihnen liegen aus der letzten Vorlesung bereits die Folien vor zum Thema Geburtenentwicklung als einem der drei Einflussfaktoren auf die demografische Entwicklung. Wir haben bereits intensiv gesprochen über die bisherige Geburtenentwicklung in Deutschland, dabei vor allem zum einen über die geburtenstarken Jahrgänge („Babyboomer“) sowie zum anderen der ausgeprägte Rückgang der Geburtenrate Anfang der 1970er Jahre und deren Auswirkungen auf die nachfolgenden Generationen. Ich hatte Sie gebeten, die beim letzten Mal noch nicht genauer besprochenen Folien zum Thema Geburtenrate anzuschauen und nachzuvollziehen. Daraus sollten Sie vor allem mitgenommen haben, dass es nicht „die“ eine Geburtenrate gibt, man muss genauer hinschauen.

Wir haben zum einen die zusammengefasste Geburtenziffer, die zur Beschreibung des aktuellen Geburtenverhaltens herangezogen wird. Diese zeigt uns, wie viele Kinder eine Frau im Laufe ihres Lebens bekommen würde, wenn ihr Geburtenverhalten so wäre wie das aller Frauen zwischen 15 und 49 Jahren im jeweils betrachteten Jahr.

Dagegen kann die Frage, wie viele Kinder ein Frauenjahrgang im Durchschnitt tatsächlich geboren hat, erst beantwortet werden, wenn die Frauen am Ende des gebärfähigen Alters sind, das statistisch mit 49 Jahren angesetzt wird. Hier geht es um die endgültige Kinderzahl je Frau (Kohortenfertilität). Sie haben dem Material entnehmen können, dass man aufpassen muss, auf welche der unterschiedlichen Geburtenrate sich Aussagen beziehen, wie beispielsweise die, dass „die“ Geburtenrate seit einiger Zeit wieder ansteigen würde.

Die These, dass es eine Trendwende geben würde, wird schon seit längerem in Fachkreisen diskutiert. Hier als ein Beispiel ein Fachaufsatz aus dem Statistischen Bundesamt:

➔ Olga Pötzsch (2018): Aktueller Geburtenanstieg und seine Potenziale, in: Wirtschaft und Statistik, Heft 3/2018
»Die Anzahl der Geburten nahm in Deutschland seit 2012 jedes Jahr zu. Mit rund 792.000 Neugeborenen kamen im Jahr 2016 zwar immer noch etwa 100.000 Babys weniger zur Welt als 1990, jedoch ist die Wende zu mehr Geburten bemerkenswert und Anlass, ihre Faktoren und ihr Zukunftspotenzial zu untersuchen. Der Beitrag gibt einen Überblick über die wichtigsten aktuellen Tendenzen in der Geburtenentwicklung und die sozioökonomischen Rahmenbedingungen, in denen sich diese vollzogen haben. Dabei werden kurzfristig eingetretene Effekte, wie der Anstieg der Geburten durch Mütter mit ausländischer Staatsangehörigkeit, und die langfristigen Veränderungen in der Kohortenfertilität der deutschen Frauen getrennt voneinander untersucht.«

Die Autorin kommt zu diesem zusammenfassenden Befund – dem sich auch die Bedeutung der generellen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und der möglichen Auswirkungen familienpolitischer Maßnahmen entnehmen können:

»Während der Anstieg der Fertilität der ausländischen Frauen mit der Verstärkung sowie dem veränderten Charakter der Zuwanderung zusammenhängt und eher als temporär bezeichnet werden kann, hat die gestiegene Geburtenhäufigkeit der deutschen Frauen mehrere Ursachen. Zum einen ist sie die Folge der langfristigen Veränderungen im Geburtentiming. Dadurch bekommen immer mehr Frauen ihre ersten, zweiten und weiteren Kinder innerhalb einer relativ kurzen Altersspanne zwischen 30 und 40 Jahren. Parallel zu dieser sogenannten „Kompression“ hat sich die Kohortenfertilität stabilisiert. Die Kinderlosenquote ist in den letzten Jahren nicht weiter angestiegen und die Kinderzahl je Mutter hat sich nach einem leichten Rückgang bei 2,0 Kindern je Mutter verfestigt. Der Rückgang der endgültigen Kinderzahl je Frau, der seit den späten 1940er-Jahrgängen mit dem Aufschieben der ersten Geburt auf ein höheres fertiles Alter einherging, ist somit gestoppt und es ist mit einem zumindest stabilen Niveau für das nächste Jahrzehnt zu rechnen. Ermöglicht wurde diese Stabilisierung durch eine deutliche Intensivierung der Fertilität im Alter nach 30 Jahren, die allerdings in diesem Umfang nicht selbstverständlich war. Sie vollzog sich von allem nach dem Jahr 2010 und unter insgesamt günstigen Rahmenbedingungen. Dazu zählen vor allem die gute wirtschaftliche Lage und niedrige Arbeitslosigkeit in Kombination mit den neuen familienpolitischen Maßnahmen. Mit dem Ausbau der Kleinkinderbetreuung und der Einführung des Elterngelds wurden bessere Voraussetzungen für die Realisierung der Kinderwünsche insbesondere für berufstätige Paare geschaffen.
Zugleich kam Anfang der 2010er-Jahre eine Generation ins wichtige fertile Alter (zwischen 30 und 40 Jahren), die bereit war, von diesen guten Voraussetzungen zu profitieren. Diese Generation hat die gesellschaftliche Diskussion über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bewusst erlebt und war von ihren Auswirkungen – unter anderem auf die Familienpolitik und auf die Arbeitswelt – unmittelbar betroffen. Die Frauen der entsprechenden Jahrgänge 1973 bis 1986 hatten bis zum Alter von Ende 20 durchschnittlich noch weniger Kinder zur Welt gebracht als die verhältnismäßig „kinderarmen“ 1960er-Jahrgänge. Im Alter ab 30 Jahren haben sie aber ihre Kinderwünsche unter günstigen Rahmenbedingungen in größerem Umfang als ältere Frauenkohorten realisiert. Dies hat eine Stabilisierung der Kohortenfertilität bei Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit ermöglicht. Da zudem der Anteil ausländischer Frauen mit tendenziell höherer Fertilität an den Frauenkohorten gestiegen ist, wird sich die endgültige Kinderzahl nach ihrem Tiefststand beim Jahrgang 1968 (1,49 Kinder je Frau) erholen und bis zum Jahrgang 1974 voraussichtlich auf 1,57 Kinder je Frau steigen.«

Allerdings darf ein einschränkendes „Aber“ nicht fehlen: »Diese Stabilisierungstendenzen reichen jedoch noch nicht aus für einen weiteren kontinuierlichen Anstieg der Kohortenfertilität über 1,6 Kinder je Frau hinaus. Dafür wäre es erforderlich, dass die Kinderlosenquote deutlich unter 20 % sinken beziehungsweise die durchschnittliche Kinderzahl je Mutter deutlich über 2,0 steigen würde.«

Im Januar 2020 hat das Statistische Bundesamt dann diesen Beitrag veröffentlicht: Geburtenverhalten im Wandel. Der Trend zu späterer Geburt setzt sich fort, kann man dort lesen: »Frauen bekommen ihre Kinder in einem immer höheren Alter. Im Jahr 2018 waren die Mütter der Erstgeborenen im Durchschnitt 30 Jahre alt. Im Jahr 1970 war dagegen eine Frau beim ersten Kind im früheren Bundesgebiet etwa 24 Jahre alt und in der ehemaligen DDR sogar erst 22 Jahre alt.« Und zu der bereits mehrfach angesprochenen Kohortenfertilität erfahren wir unter der Zwischenüberschrift „Endgültige Kinderzahl je Frau: Ende der Talfahrt“: »Die in den 1930er Jahren geborenen Frauen – zum Großteil die Mütter der Babyboom-Generation – haben durchschnittlich mehr als zwei Kinder geboren. Ihre Familien­gründungs­phase fiel in die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs der 1950er und 1960er Jahre. Bereits bei den ab Mitte der 1930er Jahre geborenen Frauen zeichnete sich jedoch ein Rückgang der endgültigen Kinderzahl je Frau ab. Besonders schnell sank diese zwischen den Geburtsjahrgängen 1934 und 1944, als immer weniger Frauen sich für ein viertes oder weiteres Kind entschieden haben. Anschließend hat sich die Kinderzahl je Mutter bei zwei Kindern stabilisiert, zugleich stieg aber der Anteil der Frauen, die gar kein Kind zeitlebens geboren haben. Zwischen den Jahrgängen 1937 und 1966 hat sich die sogenannte endgültige Kinderlosenquote (Anteil der Kinderlosen an allen Frauen eines Jahrgangs) von 11 % auf 21 % nahezu verdoppelt … Die zunehmende Kinderlosigkeit der Frauen führte zu einem kontinuierlichen Rückgang der endgültigen Kinderzahl je Frau, die bei den Frauen des Jahrgangs 1968 ihren historischen Tiefststand mit 1,49 Kindern je Frau erreicht hat.« Soweit die Beschreibung der Entwicklung, die zu der Ihnen bekannten Abnahme der endgültigen Kinderzahl je Frau geführt hat. Und wo ist nun das Ende der Talfahrt?

»Die in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre geborenen Frauen haben bereits bis zum Jahr 2018 – im Alter zwischen 39 und 48 Jahren – durchschnittlich mehr Kinder geboren als Frauen des Jahrgangs 1968. Hierfür sind im Wesentlichen zwei Faktoren ausschlaggebend: Zum einen nahm die Geburten­häufigkeit der Frauen im Alter ab 30 Jahre deutlich zu. Unter insgesamt günstigen wirtschaftlichen und familien­politischen Rahmenbedingungen haben sie die bis dahin noch nicht erfühlten Kinder­wünsche realisiert. Zum anderen hat sich die Fertilität dieser Jahrgänge im jüngeren gebärfähigen Alter bis 29 Jahren stabilisiert. Eine entscheidende Rolle spielten dabei die Zuwanderinnen, die bei der Geburt ihrer Kinder tendenziell jünger waren als die deutschen Frauen. Da ihr Anteil an allen Frauen bei den 1970er-Jahrgängen gestiegen ist, hat dies die Gesamt­fertilität positiv beeinflusst.«

Und wie sieht es aus mit der Geburtenentwicklung in Corona-Zeiten?

Eine in diesen Zeiten sicher naheliegende Frage zielt auf die möglichen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Geburtenentwicklung. Man muss natürlich berücksichtigen, dass es zwischen dem Ausgangspunkt und der Entbindung einen time-lag von normalerweise 9 Monaten gibt, wie Sie alle aus dem Aufklärungsunterricht in Ihrer Schulzeit wissen, außer, es handelt sich um eine „unbefleckte Empfängnis“.

Am 16. Dezember 2020 hat das Statistische Bundesamt diese Mitteilung veröffentlicht: Geburten im Jahr 2020: Bis September 6.155 Babys weniger als 2019. »Der Geburtenrückgang des Jahres 2019 hat sich auch in den ersten drei Quartalen des Jahres 2020 fortgesetzt. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) anhand vorläufiger Ergebnisse mitteilt, wurden von Januar bis September 2020 in Deutschland 580 342 Kinder geboren. Das waren 6 155 beziehungsweise rund 1 % weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.« Aber mit Blick auf die uns hier interessierende Frage nach den möglichen Auswirkungen der Corona-Pandemie: »Ob sich die Corona-Pandemie auf das Geburtenverhalten der Bevölkerung auswirkt, wird frühestens erkennbar, wenn die Geburtenauszählung der Monate Dezember 2020 bis Februar 2021 vorliegt.«

Moment, wird der eine oder andere irritiert einwerfen. Wieso Rückgang? Reden wir nicht über steigende Geburtenzahlen? Werfen wir mal ein Blick auf die 2010er Jahre:

»Seit dem letzten spürbaren Geburtenanstieg um 7 % auf 792 141 Babys im Jahr 2016 im Vergleich zu 2015 nahm die Geburtenzahl tendenziell ab. 2019 wurden 14 051 Kinder weniger geboren als 2016 (-2 %).Dies hatte zwei Hauptursachen: Zum einen nahm die Zahl der potenziellen Mütter (Frauen im Alter zwischen 15 und 49 Jahren) in diesem Zeitraum um 2 % ab. Zum anderen sank die zusammengefasste Geburtenziffer von 2016 bis 2019 um 3 % von 1,59 auf 1,54 Kinder je Frau. Bei den Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit ging die zusammengefasste Geburtenziffer zwischen 2016 und 2019 um 2 % von 1,46 auf 1,43 Kinder je Frau zurück. Bei den Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit sank sie fünf Mal so stark, nämlich um 10 % von 2,28 auf 2,06 Kinder je Frau.

Zurück zur Frage nach den – möglichen – Auswirkungen der Corona-Pandemie. Wir haben also noch keine wirklich belastbaren Daten. Also sind wir auf Vermutungen und mögliche Entwicklungsszenarien angewiesen. Dazu dieser Artikel:

Mehr oder weniger Geburten durch Corona? (16.12.2020): »Zuletzt sind die Geburtenzahlen etwas zurückgegangen. Aber welche Auswirkungen hat Corona? Ein Experte sieht zwei mögliche Entwicklungen.«

Die zwei möglichen Entwicklungen: »Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung sieht zwei verschiedene Mechanismen, die dabei greifen könnten. „Zum einen könnten gesundheitliche Sorgen und ökonomische Existenzängste dazu führen, dass ein Kinderwunsch verschoben wird.“ Zum anderen gebe es einen gegenläufigen Effekt, dass gerade in der Corona-Zeit die Familie an Bedeutung gewinne und der Kinderwunsch konkret werde. „Welche Entwicklung stärker ist, werden wir im nächsten Frühjahr sehen.“ Für Industrieländer wie Deutschland erwarten die meisten Demografen laut Bujard aber eher einen Rückgang oder keinen Effekt.« Und zu den rückläufigen Zahlen: »Bujard sieht in den Rückgängen bei den Geburtenzahlen und bei der Geburtenrate keinen Trend, sondern eher eine Seitwärtsbewegung.«

Wir müssen also noch etwas warten, bis es belastbare Zahlen geben wird.

Und was hat jetzt China mit unserem Thema Geburtenrate zu tun?

Ich hatte bereits in der letzten Veranstaltung darauf hingewiesen, dass die Geburtenraten in Deutschland, die wir seit Anfang der 1970er Jahre sehen, erhebliche Verschiebungen in der Bevölkerungsstruktur verursachen. Man spricht dann immer von der „Alterung“ der Gesellschaft (im Zusammenspiel mit den beiden anderen Faktoren Lebenserwartung und dem Wanderungssaldo). Dabei geht es um die Zunahme der älteren Menschen (absolut und relativ gesehen) und die gegenläufige Entwicklung bei den Jüngeren. Diese Prozesse laufen übrigens in unterschiedlicher Intensität in allen europäischen Staaten ab. Schauen Sie sich hierzu die folgende Abbildung an:

Demografische Kennziffern für die 27 EU-Staaten

Die Abbildung ist diesem Beitrag entnommen, der am 14.12.2020 vom Institut der deutschen Wirtschaft veröffentlicht wurde: Weniger Kinder in der EU: »Schon in den vergangenen 25 Jahren ist die Zahl der Minderjährigen in der EU deutlich zurückgegangen. Und die Geburtenzahlen versprechen keine Besserung. Mit Ausnahme von Irland, Luxemburg und Frankreich sind sie in allen Mitgliedsstaaten rückläufig, die Spanne ist allerdings sehr groß.«

EU-weit ist die Zahl der unter 18-Jährigen von 1994 bis 2019 um gut 15 Prozent zurückgegangen. »Die Entwicklungen in den einzelnen Ländern waren jedoch extrem unterschiedlich. Die Spanne reicht von plus 39 Prozent in Luxemburg bis zu minus 48 Prozent in Litauen. In Deutschland lag das Minus mit gut 14 Prozent etwas unter dem EU-Durchschnitt.«

Wir sind hier ja im Kurs Sozialpolitik und vor diesem Hintergrund sind dann die sozialpolitisch relevanten Schlussfolgerungen, die am Ende des Beitrags gezogen werden, von besonderem Interesse:

»Auf die Folgen dieser niedrigen Geburtenraten müssen sich Deutschland und die anderen besonders betroffenen EU-Länder vorbereiten. Zur Demografie-Vorsorge gehört vor allem, die sozialen Sicherungssysteme so weiterzuentwickeln, dass sie auch bei deutlich weniger Beitragszahlern und mehr Leistungsbeziehern funktionsfähig bleiben.
Zuwanderung kann zwar viele Lücken verringern, die durch fehlende Kinder entstehen, oft haben Migranten aber nicht dasselbe Qualifikationsniveau wie die EU-Bürger – zudem können die Zugezogenen wieder in ihre Heimat zurückkehren oder weiterwandern.
Deshalb ist es wichtig sicherzustellen, dass möglichst alle jungen Leute in Europa jenes Qualifikationsniveau erreichen, dass für eine erfolgreiche Teilhabe am Arbeitsmarkt erforderlich ist.«

Das ist mal ein Beispiel, wie die demografische Entwicklung als Begründung für bestimmte sozialpolitische Maßnahmen herangezogen wird. Darüber kann und muss man im Detail diskutieren.

Aber hier soll zur Abrundung des Themas Geburtenentwicklung und deren gesellschaftliche Auswirkungen auf ein anderes Land hingewiesen werden, in dem es sogar den Versuch einer bewussten Steuerung der Geburtenrate gegeben hat (und gibt): China. Dem einen oder anderen von Ihnen wird bekannt sein, dass China, das (noch vor Indien) bevölkerungsreichste Land der Welt früher immer mit der sogenannten „Ein-Kind-Politik“ verbunden wurde.

Hintergrund: Um das rasante Bevölkerungswachstum einzudämmen wurde noch unter Mao Zedong ein repressives Programm zur Eindämmung der Geburtenraten entworfen. Nach Maos Tod (1976) wurde dieses Projekt dann von Deng Xiaoping 1979 unter dem Schlagwort „Ein-Kind-Politik“ verbindlich eingeführt. Es sah im Grundsatz folgende Maßnahmen vor:
Vorschrift für junge Paare zur Einholung einer Heiratserlaubnis, Pflicht der heiratswilligen Frau zum Nachweis der Vertrautheit mit Maßnahmen der Empfängnisverhütung, Festsetzung des Mindestheiratsalters für Frauen auf 20, für Männer auf 22 Jahre und Antrag auf Kinderwunsch bei einem eigens geschaffenen Amt für Bevölkerungskontrolle, Zuteilung von Geburtenquoten an Betriebe oder Wohnviertel; durch diese Gebietseinheiten Überwachung der Ein-Kind-Bestimmungen und zahlreiche Sanktionsmöglichkeiten bei Verstößen gegen die Ein-Kind-Regel (z.B. Benachteiligung bei der Vergabe von Kindergarten- und Schulplätzen, Entziehung des Wohnrechts, Arbeitsplatzverlust, Lohnabzüge, Strafzahlungen, Zwangsabtreibung, Zwangssterilisation).
Diese rigiden Bestimmungen wurden vor allem in den Städten angewandt. Ihre Einhaltung wurde hier auch entsprechend scharf überwacht. In den städtischen, vor allem in den ländlichen Räumen galten aber auch zahlreiche Ausnahmegenehmigungen. Für die meisten Ehepaare auf dem Lande gab es z.B. die Erlaubnis für ein zweites Kind, wenn das erste ein Mädchen war. Hinzu kamen vielfältige Umgehungstaktiken. Wer es sich leisten konnte, nahm z.B. die geforderte Geldstrafe in Kauf. Die konnte mit bis zu drei Jahreseinkommen beider Ehepartner empfindlich hoch sein. Dass sich einige wohlhabende Familien ihre nicht genehmigten Kinder trotzdem leisten konnten, sorgte angesichts der immer weiter aufgehenden Einkommensschere insbesondere bei den ärmeren Schichten für großen Unmut. Ärmere Haushalte wichen allerdings im ländlichen Raum auch häufig auf die weniger leicht zu kontrollierenden Hausgeburten aus. Bei städtischen Krankenhausgeburten hingegen musste die Schwangerschaftsgenehmigung vorgelegt werden. Hier half dann wohl gelegentlich ein Bestechungsgeld. (Quelle: Wilfried Korby (2016): Infoblatt Ein-Kind-Politik Chinas).

Die für uns mehr als befremdlichen Maßnahmen des Staates hatten durchaus ihre Wirkung: »Die rigide Bevölkerungspolitik hatte mit der Verzögerung einiger Jahre den gewünschten Erfolg. Die Gesamtfruchtbarkeitsrate, also die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau, sank von 5,5 im Jahr 1970 auf den heutigen Wert 1,6. Bei einer Geburtenrate von 12 (pro Tausend Einwohner) und einer Sterberate von 7 liegt die natürliche Wachstumsrate nur noch bei 0,5 Prozent (2014). Schätzungen gehen davon aus, dass ohne die Ein-Kind-Politik statt der heute 1,36 Milliarden Menschen in China etwa 400 Millionen mehr leben würden. Das Ziel, die Bevölkerungszahl auf maximal 1,2 Milliarden. zu begrenzen, wurde allerdings verfehlt. Auch gegenwärtig beträgt der jährliche Zuwachs etwa 6,8 Millionen Menschen. Dieser Zuwachs wird sich aber immer mehr abschwächen. Folgt man einschlägigen Prognosen, wird die Bevölkerungszahl Chinas zwar bis 2025 noch auf 1,4 Milliarden ansteigen, sich dann aber bis 2050 auf 1,31 Milliarden verringern.«

Und dann taucht sie auch hier auf, die „alternde Gesellschaft“: »Hinter diesem Rückgang verbergen sich die Probleme einer rasch alternden Gesellschaft, die unmittelbar mit der Ein-Kind-Politik zusammenhängen. Als in den 1950er- und 1960er-Jahren Mao Zedong Kinderreichtum und hohes Bevölkerungswachstum als Grundlage wirtschaftlicher und nationaler Stärke sah, entstand eine Generation, die nun ins Rentenalter eintritt. Bei steigender Lebenserwartung werden diese Menschen immer älter. Wenn der Bevölkerungsanteil der über 60-Jährigen die 10-Prozent-Marke überschreitet, sprechen Bevölkerungswissenschaftler von einer „alternden Gesellschaft“. China hat diese Schwelle 1999 überschritten. Staatlichen Prognosen zufolge wird dieser Wert bis zur Mitte des Jahrtausends auf 31 Prozent ansteigen. Das sind über 400 Millionen Menschen, die im Rentenalter versorgt werden müssen. Außer der japanischen altert heute keine Gesellschaft so rasch wie die chinesische. Die Versorgung der Alten wird nun zu einer der größten gesellschaftlichen Herausforderungen. Bei strikter Durchsetzung der Ein-Kind-Politik müssten (theoretisch) vier Großeltern und zwei Elternteile von einem erwachsenen Kind versorgt werden. Wird die gegenwärtige Politik beibehalten, ist dieses „4-2-1-Problem“ kaum lösbar.«

Die „Ein-Kind-Politik“ ist seit einigen jähren offiziell Geschichte: Im Oktober 2015 brach China mit seiner Ein-Kind-Politik. Seitdem dürfen Paare zwei Kinder bekommen. Doch der erhoffte Geburtenzuwachs blieb bislang aus. »Ein Kind pro Familie – das war in der Volksrepublik China von 1979 bis 2015 die Regel. Mit dieser Maßnahme wollte die chinesische Regierung dem Bevölkerungswachstum entgegenwirken. Doch die strikte staatliche Geburtenkontrolle, die sogenannte Ein-Kind-Politik, brachte neben einem Rückgang der Geburtenrate auch sehr problematische Folgen mit sich: selektive Abtreibungen von Mädchen, Millionen Kinder, die nicht registriert wurden und eine Überalterung der chinesischen Gesellschaft.«

Die Abbildung und mehr finden Sie in diesem Beitrag, der von der Bundeszentrale für politische Bildung am 28.10.2020 veröffentlicht wurde: Vor 5 Jahren: Ende der Ein-Kind-Politik in China. »Nach Xi Jinpings Ernennung zum Staatspräsidenten begann die Regierung ab 2013 mit unterschiedlichen Maßnahmen gegenzusteuern und die Ein-Kind-Politik zu lockern. Wenn ein Elternteil selbst Einzelkind war, durfte ein Paar zwei Kinder haben. Ende Oktober 2015 entschied sich die Regierung schließlich dafür, die Ein-Kind-Politik abzuschaffen und erlaubte es jedem Paar, zwei Kinder zu bekommen. Die Regelung trat 2016 in Kraft. Doch bislang führten die Lockerungen nicht zu einem Anstieg der Geburtenrate.« Interessant ist der Erklärungsversuch: »2019 sank die Geburtenzahl landesweit das zweite Jahr in Folge auf den niedrigsten Stand seit fast sechs Jahrzehnten. Viele Chinesinnen und Chinesen geben als Gründe für ihre Entscheidung gegen Kinder die hohen Bildungskosten sowie teure und unzureichende Betreuungsmöglichkeiten an.«

»Bereits 2018 wurde deshalb in China intensiv über die vollständige Abschaffung der Begrenzung der Kinderzahlen diskutiert – ein entsprechender Gesetzesentwurf sollte im Jahr 2020 beschlossen werden. Bislang ist die Zwei-Kind-Grenze landesweit jedoch noch nicht gefallen. Weitgehende Fördermaßnahmen, um die Entscheidung für junge Chinesinnen und Chinesen Kinder zu bekommen wieder attraktiver zu machen, fehlen in der Volksrepublik bislang.«

Die ganz dunklen Seiten werden aber auch nicht verschwiegen: »Recherchen der Nachrichtenagentur AP zufolge wird die Geburtenkontrolle zunehmend als machtpolitisches Instrument gegen Minderheiten missbraucht, etwa gegen die muslimischen Minderheiten der Uigurinnen und Uiguren und Kasachinnen und Kasachen. Demnach drohen den muslimischen Familien Strafen und Zwangsabtreibungen, was in den Regionen Hotan und Kaschgar zwischen 2015 und 2018 zu einem Rückgang der Geburten um mehr als 60 Prozent geführt hat. Die staatliche Unterdrückung dieser Minderheiten zeigt sich auch in der Internierung in sogenannten Umerziehungslagern und dem Zerstören von Moscheen oder Heiligengräbern in jenen Regionen.«

Das war jetzt eine Menge Stoff. Ich möchte Sie zur Abrundung bitten, diesen interessanten Beitrag zu lesen, in dem die sozialpolitischen Herausforderungen durch die alternde Gesellschaft in China auf den kritischen Punkt gebracht werden:

➔ Felix Lee (2020): Von der eisernen Schüssel zum Kümmer-Gesetz, in: Entwicklung und Zusammenarbeit, 24.03.2020
»China wird alt, bevor es reich geworden ist. Schuld daran ist nicht zuletzt die Ein-Kind-Politik. Ihretwegen ist der demografische Absturz im bevölkerungsreichsten Land der Welt unabwendbar. Die Altersvorsorge kommt für Millionen Menschen zu spät.«