Bestimmungsfaktoren der demografischen Entwicklung: Von den unterschiedlichen Lebenserwartungen sowie der Zu- und Abwanderung nach bzw. aus Deutschland

Wir hatten bereits bei der Behandlung „der“ Geburtenrate gesehen, dass das gar nicht so simpel ist, wie man meinen könnte. Festzuhalten bleibt, dass es unterschiedliche Geburtenraten gibt, die Sie kennen gelernt haben. Und auch beim zweiten großen Einflussfaktor auf die demografische Entwicklung, der Lebenserwartung, wurde es dann durchaus etwas komplizierter, vor allem bei der Besprechung der unterschiedlichen Formen der Sterbetafeln.

Aus der letzten Veranstaltung haben Sie mitnehmen können, dass es neben den Periodensterbetafeln, die den Werten in der Tabelle zugrundeliegen, auch noch die überaus bedeutsamen Kohortensterbetafeln gibt. Die sind besonders relevant für die Versicherungswirtschaft, gerade für den Bereich der Privaten Krankenversicherung (PKV), denken Sie hierbei an die Kalkulation der Altersrückstellungen für die Versicherten. Oder für private Rentenversicherungen. Sozialpolitisch und berufspraktisch alles sehr bedeutsam.

Wer es genauer wissen will, dem empfehle ich weiterführend diese beiden Publikationen des Statistischen Bundesamtes:
➔ Statistisches Bundesamt (2020): Sterbetafeln 2017/2019. Ergebnisse aus der laufenden Berechnung von Periodensterbetafeln für Deutschland und die Bundesländer, Wiesbaden 2020
➔ Statistisches Bundesamt (2020): Kohortensterbetafeln für Deutschland. Ergebnisse aus den Modellrechnungen für Sterbetafeln nach Geburtsjahrgang, Wiesbaden 2020

Daraus und ergänzend zu dem, was Sie bereits in den vorliegenden Folien als Erläuterungen haben, diese Erklärungen:

➔ Bei einer Längsschnittbetrachtung werden alle Personen eines Geburtsjahrgangs (Kohorte) von der Geburt bis zum Tod betrachtet, sodass prinzipiell bekannt ist,
wie viele Personen in jedem Jahr leben. Eine solche Längsschnitt- beziehungsweise Kohortensterbetafel zeigt damit den spezifischen Sterblichkeitsverlauf und die Lebenserwartung eines Geburtsjahrgangs auf. Die Längsschnittbetrachtung setzt hierfür eine vollständige Beobachtungsreihe aller Altersjahre des entsprechenden Geburtsjahrgangs 

voraus und ist somit ein sehr aufwändiges Verfahren. Um die Berechnung vollständig durchführen zu können, müssen alle Angehörigen des entsprechenden Geburtsjahrgangs bereits verstorben sein, was in der Regel mehr als 100 Jahre dauert. Ansonsten sind Schätzungen über die Sterblichkeitsverhältnisse notwendig, die bei jüngeren Geburtsjahrgängen zunehmend unsicherer werden. Die Gewährleistung einer vollständigen Beobachtungsreihe stellt auch in Anbetracht von Gebietsveränderungen und starken Wanderungsbewegungen ein erhebliches Problem dar.

➔ In der Querschnittsbetrachtung durch Periodensterbetafeln werden hingegen die Sterblichkeitsverhältnisse in einem Berichtszeitraum quantifiziert. Diese Sterbetafeln beinhalten keine Annahmen darüber, wie sich die Sterblichkeitsverhältnisse in Zukunft verändern werden. Werte für die Lebenserwartung nach Alter aus Periodensterbetafeln liefern demnach Aussagen darüber, wie viele (weitere) Lebensjahre eine Person vor sich hätte, wenn sie ein Leben lang den Sterblichkeitsverhältnissen des Betrachtungszeitraums ausgesetzt wäre. Wegen der schnellen Verfügbarkeit und der Möglichkeit aktuelle Sterblichkeitsverhältnisse abzubilden, wird die Querschnitts- oder Periodensterbetafel sehr häufig verwendet. Zu beachten ist, dass sowohl Längsschnitt- als auch Querschnittstafeln stets Durchschnittswerte beinhalten, von denen die individuellen Überlebensperspektiven je nach Lebensverhältnissen, Lebensführung, Beruf, gesundheitlicher Verfassung und weiteren Faktoren ganz erheblich abweichen können.

Sie sollten mitgenommen haben, dass wir beim Thema Lebenserwartung wie bei so vielen sozialpolitisch relevanten Aspekten mit dem „Durchschnittsproblem“ konfrontiert werden. Also zuweilen sagen Durchschnitte weniger aus als man denkt. Es kommt immer auch auf die Streuung der einzelnen Werte an (vor allem ein Problem, wenn das arithmetische Mittel verwendet wird. Auf unser hier interessierendes Thema übertragen: Wir werden alle immer älter. Das ist nicht falsch, aber verdeckt die enormen Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen, die das „Wir“ ausmachen. Dazu hatte ich Ihnen mit den Folien schon einige Hinweise geben. Vor dem Hintergrund einer ganz aktuellen Studie möchte ich Sie bitten, diesen Beitrag von mir zu lesen:

➔ Stefan Sell (2019): Tödliche Ungleichheit: Männlich, arbeitslos, zwischen 30 und 59 Jahre alt. Dann ist das Sterberisiko acht Mal höher als das von Männern am oberen Ende, in: Aktuelle Sozialpolitik, 09.10.2019

Wir hatten in der Vorlesung kurz darüber gesprochen, dass die Lebenserwartungswerte für die USA 
a) sowieso deutlicher niedriger sind als in anderen Ländern und 
b) am aktuellen Rand sogar ein Rückgang zu beobachten ist. 
Bei der Besprechung der Ursachen für diese Entwicklung habe ich darauf hingewiesen, dass wir hier u.a. mit den Folgen der Opiod-Krise in den USA konfrontiert werden. Was ist damit gemeint?

➔ Opioid-Krise in den USA: Seit zehn Jahren wütet in Teilen der USA eine Opioid-Epidemie. Knapp 100 Menschen sterben jeden Tag an einer Überdosis morphinhaltiger Substanzen – seien es Schmerztabletten, Heroin oder das hochpotente Narkosemittel Fentanyl. Mehr als 72.000 Menschen starben 2017 an einer Drogen-Überdosis, die meisten an Opioiden. Insgesamt sprechen wir bis heute von rund 400.000 Toten. „Die Krise begann mit opioidhaltigen Schmerzmitteln, die Ärzte seit den 90er-Jahren immer freizügiger verschrieben. Auf die Schmerzmittel folgte Heroin, das billig auf dem schwarzen Markt zu bekommen war, und nach dem Heroin kamen synthetische Opioide wie Fentanyl und seine chemischen Verwandten.“ Mit diesen Worten wird Lawrence Scholl von der US-Gesundheitsbehörde CDC in diesem Artikel von Katja Ridderbusch zitiert: „Die Menschen sterben wie die Fliegen“. Das Heroin und die synthetischen Opioide gelangen vor allem aus Mexiko und China in die USA. Mittlerweile ist Fentanyl der Killer Nummer eins unter den Opioiden. Es wirkt 100-mal stärker als Morphium. Immer mehr Menschen sterben an versehentlichen Überdosen, weil Drogenhändler Heroin, Kokain und Amphetamine häufig mit Fentanyl strecken. Aber auch und gerade die Pharmaindustrie hatte ihre profitsüchtigen Finger im Spiel: Gegen Purdue Pharma, den Hersteller des Blockbusters Oxycontin, wurden zahlreiche Klagen erhoben. Der Konzern soll das Medikament mit dem falschen Versprechen beworben haben, dass es nicht abhängig mache. Vgl. dazu auch den Artikel Die große Abrechnung: »Aggressive Werbung für hochgefährliche Produkte: Amerikas Pharmaindustrie flutete den Markt mit Schmerzmitteln – und trägt eine Mitschuld an der Opioid-Krise mit mehr als 400.000 Toten. Jetzt wird die Branche endlich härter rangenommen.« Das hat handfeste Folgen: »Die Firma Purdue muss für ihre Mitschuld an der Opioidkrise in den USA zwölf Milliarden Dollar Entschädigung zahlen. Der OxyContin-Hersteller meldet nun Insolvenz an.«

Und wie sieht es aus mit dem dritten Bestimmungsfaktor der demografischen Entwicklung? Einige Anmerkungen zum Wanderungssaldo

Die Bedeutung der Wanderungsbewegung für die Demografie kann man diesem Zitat entnehmen:

»Ende 2020 haben in Deutschland nach einer ersten Schätzung des Statistischen Bundesamtes (Destatis) 83,2 Millionen Menschen gelebt. Aufgrund einer geringeren Nettozuwanderung und einer gestiegenen Sterbefallzahl bei voraussichtlich etwas weniger Geburten als im Vorjahr hat die Bevölkerungszahl damit erstmals seit 2011 nicht zugenommen. In den drei Jahrzehnten seit der deutschen Vereinigung war die Bevölkerung Deutschlands überwiegend gewachsen, mit Ausnahme der Jahre 1998 sowie 2003 bis 2010. Das Bevölkerungswachstum hatte sich jedoch ausschließlich aus dem positiven Wanderungssaldo ergeben – also dadurch, dass mehr Menschen zugewandert als abgewandert sind. Ohne diese Wanderungsgewinne würde die Bevölkerung bereits seit 1972 schrumpfen, da seither jedes Jahr mehr Menschen starben als geboren wurden.«

Das findet man in dieser Meldung des Statistischen Bundesamtes vom 12. Januar 2021: 2020 voraussichtlich kein Bevölkerungswachstum. Bevölkerungszahl bleibt voraussichtlich konstant bei 83,2 Millionen Menschen. Und dieser Meldung kann man zudem entnehmen, dass das erste Corona-Jahr verständlicherweise auch an den Migrationsbewegungen nach und aus Deutschland nicht spurlos vorbeigegangen ist, sondern ganz im Gegenteil auch hier richtige Schneisen geschlagen hat:

»Der Saldo aus Zu- und Fortzügen wird für 2020 zwischen +180.000 und +240.000 Personen geschätzt (2019: 327.060). Der Wanderungssaldo würde damit nach dem Höchstwert im Jahr 2015 (1.139.402) im fünften Jahr in Folge gegenüber dem Vorjahr abnehmen. Im Jahr 2020 dürften sich insbesondere Reisebeschränkungen durch die Corona-Pandemie und wirtschaftliche Folgen eindämmend auf die Wanderung ausgewirkt haben. Allein bis September 2020 ging die Zahl der Zuzüge um 25 % und der Fortzüge um 22 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück. Erfahrungsgemäß ist das Wanderungsgeschehen am Jahresende geringer, sodass für das Gesamtjahr 2020 mit einem etwa um 25 % bis 45 % niedrigeren Wanderungssaldo als 2019 zu rechnen ist.«

Interessant ist auch der Blick auf die langfristige Entwicklung des Wanderungssaldos von 1950 bis 2019, dem Jahr vor der Corona-Krise:

Anmerkung: Zahlen bis 1990: früheres Bundesgebiet; ab 1991: Deutschland

Wenn man sich den Verlauf des Wanderungsgeschehens seit 1991 anschaut (eine Abbildung mit den Daten für die Jahre nach dem 2. Weltkrieg bis heute liegt in Ihnen in der Foliensammlung vor), dann wird erkennbar, dass es sich bei den Wanderungen sicherlich um die am schwierigsten vorhersagbare Komponente handelt. Die Schwankungen sind doch erheblich.

Und wie sich alles zusammen verändert

Zur Abrundung des Themas demografische Entwicklung möchte ich Sie bitten diesen Hintergrundbeitrag des Deutschlandfunks zu lesen (oder zu hören, der Podcast ist ebenfalls verlinkt). Das ist wirklich eine gute Zusammenfassung der aktuellen Entwicklungen und Diskussionen (zumindest bis zum Ausbruch der Corona-Krise im Frühjahr 2020):

➔ Deutschlandfunk: Demografie: Die Bevölkerungspyramide ändert sich (10.10.2019): »Entgegen früheren Prognosen schrumpft Deutschland nicht, im Gegenteil: Die Bevölkerung ist mit 83 Millionen auf eine Rekordmarke gestiegen. Die Geburten nehmen zu, es gibt mehr Zuwanderer und Hochbetagte, doch die Zahl der Erwerbstätigen sinkt. Das hat Auswirkungen auf die Zusammensetzung der Bevölkerung.« (Die Sendung als ➞ Audio-Datei).