Rente ab 68? Wie bestellt für unsere Behandlung der Themen Alterssicherung und Lebenserwartung

Einige Tage lang hat sich (wieder einmal) die Medienlandschaft überschlagen, nachdem der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) ein Papier veröffentlicht hat, aus dem dann alle herausgelesen haben, dass man nun schon die „Rente mit 68“ fordert, wo wir doch erst auf dem Weg in Richtung „Rente mit 67“ sind, die für das Baujahr 1964 voll gelten wird (warum gerade der Jahrgang 1964, das wissen Sie einzuordnen nach der Behandlung des ersten Themenschwerpunkts, also der demografischen Entwicklung). Die Reaktionen in vielen Medien waren fast schon hysterisch: Rentensystem vor dem Kollaps?, so einer der vielen Beiträge zu dem Thema. Die Autoren der Studie sehen „schockartig steigende Finanzierungsprobleme“ auf die Rentenkassen zukommen, kann man da lesen. Und dann: »Die Folgerung der Ökonomen des Beirats … lautet: Die Koppelung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung sei „unumgänglich“. Wenn die Deutschen also in der Tendenz länger leben und länger Rente beziehen, müsse der Rentenstart entsprechend weiter nach hinten geschoben werden. Dies würde in rund 20 Jahren einer „Rente mit 68“ entsprechen.«

Bereits in der Überschrift dieses Artikels taucht sie auf, die Rente mit 68: Berater der Bundesregierung fordern Rente mit 68 Jahren: »Experten aus dem Wirtschaftsministerium fordern, das Rentenalter an die Lebenserwartung zu koppeln. Anders könnten Renten zukünftig nicht garantiert werden.« Und weiter: »Um das System zu reformieren, plädieren die Experten für eine Koppelung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung. Denn die Menschen beziehen im Schnitt immer länger Rente. Waren es 1969 bei Männern noch 10,2 Jahre und bei Frauen 12,5 Jahre, so bekamen 2019 Männer im Schnitt 18,2 und Frauen 21,7 Jahre lang Rente. Der Beirat hält daher die Koppelung des Renteneintrittsalters an die Entwicklung der Lebenserwartung für unumgänglich. „Das geschieht am besten durch eine dynamische Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung, so dass das Verhältnis der in Arbeit und in Rente verbrachten Lebenszeit konstant bleibt“, sagte der Autor des Gutachtens, Axel Börsch-Supan.« Die Rente mit 68 würde wahrscheinlich im Jahr 2042 Realität werden.

Die ganze Berichterstattung bezieht sich auf dieses Papier, das ich Ihnen für eine der Veranstaltungen bereits zur Verfügung gestellt hatte:

➔ Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) (2021): Vorschläge für eine Reform der gesetzlichen Rentenversicherung, Berlin, Mai 2021

Wie so oft muss man genau hinschauen, was die da empfohlen haben. Das haben wir auch gemeinsam gemacht, in dem wir die „Empfehlungen“ des Beirats (S. 52 ff.) genauer unter die Lupe genommen haben:

Wir hatten uns in der Veranstaltung vor allem mit dieser Feststellung des Beirats kritisch auseinandergesetzt: »Der Anstieg des Altersquotienten, also des Verhältnisses der über 65-jährigen zu den 20- bis 64-jährigen, wird sich in zwei Phasen vollziehen: In den Jahren bis 2035 wirken sich sowohl die steigende Lebenserwartung als auch (und das vor allem) der Eintritt der Babyboom-Generation in den Ruhestand aus, während in diesen Jahren bereits deutlich kleinere Kohorten in den Arbeitsmarkt eintreten. In diesem Zeitraum steigt der Altersquotient von ca. 35 auf etwas über 50 Prozent an. Von 2040 an wird er, bedingt durch einen weiteren Anstieg der Lebenserwartung, auf bis zu 60 Prozent steigen und diesen Wert auch langfristig in etwa halten.«

Die von den Medien besonders aufgegriffene, weil Aufmerksamkeit produzierende Schlagzeile von der „Rente mit 68“ liest sich im Original so: Mit Blick auf die Ursachen für die (angebliche) Nichtfinanzierbarkeit des Rentensystems wird ausgeführt:

»Eine Ursache ist die voraussichtlich weiterhin steigende Lebenserwartung. Zwischen 2012 und 2030 wird schrittweise die „Rente mit 67“ eingeführt. Dies führt zu einer Aufteilung des Wachstums der Lebenserwartung seit der Jahrtausendwende zwischen länger Arbeiten und länger Rente beziehen im Verhältnis 2:1, welches wiederum das Verhältnis eines 40-jährigen Erwerbslebens zu einer 20-jährigen Rentenbezugszeit widerspiegelt. Der Beirat betont, dass eine Anpassung des Rentenzugangsalters an die Lebenserwartung auch nach 2031 unerlässlich ist, und empfiehlt, diese 2:1­-Aufteilung als explizite Regel zu verankern und ab 2031 weiterzuführen. Demgemäß würde nach derzeitigen Prognosen der Lebenserwartung das Rentenalter etwa im Jahr 2042 68 Jahre erreichen. Sollte die Lebenserwartung dagegen weniger stark steigen als bisher oder sogar wieder fallen, würde auch das Rentenalter entsprechend weniger stark ansteigen oder ebenfalls sinken.«

Man sollte sich aber auch den folgenden Passus genau durchlesen – vor dem Hintergrund, dass viele Kritiker beispielsweise darauf hinweisen, dass es zahlreiche Arbeitnehmer gibt, die gar nicht so lange arbeiten können: »Da die Lebensumstände der Menschen sehr unterschiedlich sind, empfiehlt der Beirat, die Norm einer für alle gültigen „Regelsalters­grenze“ durch das Konzept des „Rentenein­trittsfensters“ zu ersetzen, innerhalb dessen die Menschen ihr Eintrittsalter frei wählen können und damit auch ihre genaue Renten­ höhe bestimmen. Dazu müssen die Zu­ und Abschläge auf das aktuarisch1 neutrale Niveau angehoben werden.«

1 aktuarisch = versicherungsmathematisch, versicherungsstatistisch

Nun gab es durchaus von vielen Seiten Kritik an der Empfehlung, noch mehr an der Schraube gesetzliches Renteneintrittsalter zu drehen. Von besonderer Bedeutung ist dabei der Hinweis, dass „der“ Anstieg der Lebenserwartung tatsächlich höchst differenziert betrachtet werden muss, denn hinter dem durchschnittlichen Anstieg verbergen sich durchaus erhebliche Unterschiede.

Vgl. dazu bereits aus dem Jahr 2016 diesen Beitrag von mir:
➔ Stefan Sell (2016): Ein großer Teil der Antwort würde viele Arbeitnehmer beunruhigen. Zur Frage nach dem Sinn einer weiteren Erhöhung des Renteneintrittsalters, in: Aktuelle Sozialpolitik, 28.06.2016

Und abschließend möchte ich Ihnen diesen Beitrag eines der fünf Wirtschaftsweisen ans Herz legen, damit nicht immer wieder behauptet werden kann, „die“ Ökonomen seien für eine Verlängerung des gesetzlichen Renteneintrittsalters:

➔ Achim Truger (2021): Einseitige ökonomische Ratschläge. Kritische Anmerkungen zur Forderung nach einer automatischen Erhöhung des Renteneintrittsalters, in: Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit, Nr. 1/2021

Schauen Sie sich bitte mal seine Argumentation an.

Und zum Abschluss – auch im Radio wurde das Thema behandelt, beispielsweise in dieser Diskussionssendung:

➔ SWR: Arbeiten bis zum Umfallen – Ist die Rente noch zu retten? (01.07.2021)
Arbeiten wir bald noch länger für die Rente? Berater der Bundesregierung halten ein Renteneintrittsalter mit 68 Jahren für notwendig. Immer wieder wurde an der Rentenformel gebastelt, trotzdem fehlt dem System die Stabilität. Die Gesellschaft wird immer älter, die Alten werden immer gesünder und für die Jüngeren bleibt immer weniger übrig. Was heißt das für die Zukunft des Rentensystems? Und wie lässt sich das politisch lösen? Thomas Ihm diskutiert mit Prof. Dr. Christian Hagist – Otto Beisheim School of Management, Prof. Dr. Ute Klammer – Universität Duisburg-Essen, Prof. Dr. Stefan Sell – Hochschule Koblenz.