Länger besser leben. Oder doch nicht? Die Kompressions- versus Medikalisierungsthese

Wir hatten in der Vorlesung darüber gesprochen – hinsichtlich der Modellierung der Auswirkungen des demografischen Wandels im Gesundheitssystem ist es wichtig, nicht nur die quantitative Entwicklung zu kennen, also die Zahl der älteren Menschen – sondern auch Annahmen darüber zu treffen, ob die Morbidität der Menschen so bleibt, wie sie heute ist oder schlechter bzw. besser wird. Der Streit darüber, welches Szenario als plausibel anzunehmen ist, wird in der Wissenschaft entlang der Kontroverse Medikalisierungs- versus Kompressionsthese geführt.

Eine vorwegnehmende Bilanzierung der bisherigen Beiträge aus der wissenschaftlichen Diskussion: Man kann nicht sagen, die eine oder die andere These trifft zu. Offensichtlich gibt es empirische Hinweise, dass beide Thesen gleichzeitig in unterschiedlichen Kontexten wirksam sind. Ich hatte in der Vorlesung bereits darauf hingewiesen, dass der soziale Status eine Rolle spielt, dass also für Menschen aus den unteren Einkommensbereichen eher die Expansions- bzw. Medikalisierungsthese anzutreffen ist, während in oberen Einkommensbereichen eher die Kompressionsthese beobachtet werden kann. Das passt dann auch zu den Befunden über eine ungleiche Verteilung der Lebenserwartung, über die wir schon gesprochen haben.

Hier nun noch einige ergänzende Hinweise auf Veröffentlichungen zu dem Thema:

➔ Sveja Eberhard (2018): Verliert das Alter seinen Schrecken?, in: Gesundheit und Gesellschaft, Heft 5/2018: »Wer heute 65 ist, kann sich im Schnitt auf 20 weitere Lebensjahre freuen. Viele Menschen werden diese Zeit bei guter Gesundheit verbringen. Denn Krankheiten wie Herzinfarkt und Schlaganfall treten später auf und führen nicht so schnell zum Tod. Das zeigt eine aktuelle Studie auf Basis von Krankenkassendaten.«

Am Ende des Artikels folgt dann noch dieses kurze Interview:

➔ Siegfried Geyer (2018): „Der Kostenanstieg wird flacher verlaufen“, in: Gesundheit und Gesellschaft, Heft 5/2018: »Warum sich der Ausbruch von Erkrankungen nach hinten verschiebt und welche Vorteile Krankenkassendaten haben.«

Ganz offensichtlich haben wir es hier mit einem Vertreter der Kompressionsthese zu tun.

Auch in diesem älteren Beitrag wird die Kompressionsthese aus einer gesundheitsökonomischen Perspektive gestützt:

➔ Stefan Felder (2008): Im Alter krank und teuer? Gesundheitsausgaben am Lebensende, in: Gesundheit und Gesellschaft Wissenschaft, Heft 4/2008, S. 23- 30: »In den letzten Lebensmonaten eines Menschen steigen die Ausgaben für medizinische Versorgung in der Regel stark an. Im Versuch, das Leben zu verlängern, wird im letzten Lebensjahr für Gesundheit im Durchschnitt mehr als das Zehnfache ausgegeben als für überlebende Menschen in einem Jahr. Die Gesundheitsausgaben (ohne Pflegekosten) für über 65-Jährige sinken am Lebensende mit zunehmendem Alter. Diese in vielen Studien aus mehreren Ländern bestätigten Ergebnisse haben Konsequenzen für den Zusammenhang zwischen steigender Lebenserwartung und Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben: Die demografische Alterung hat nur einen schwachen Einfluss auf die Gesundheitsausgaben einer Bevölkerung. Alternative Thesen, die davon ausgehen, dass altersspezifische Ausgaben nur von den Fortschritten der medizinischen Technik abhängen (Status-quo-Hypothese) oder – das andere Extrem – aufgrund einer „Medikalisierung des Alters“ deutlich ansteigen (Medikalisierungsthese), finden hingegen keine empirische Bestätigung.«

Also das sind doch gewichtige Stimmen für eine der beiden Thesen, nicht für ein „Sowohl-als-auch“? Dann schauen wir uns einmal die beiden folgenden Abbildungen an – man kann offensichtlich einen anderen Standpunkt vertreten: