China mal wieder – von der Geburtenrate bis zu der auch dort immer drängender werdenden Frage: Wer pflegt die alten Menschen und wie?

In unserem ersten Themenschwerpunkt, der demografischen Entwicklung, hatten wir uns ja auch beim Themenfeld Geburtenrate mit China beschäftigt, insbesondere mit den Auswirkungen der jahrzehntelangen Ein-Kind-Politik, die erst vor wenigen Jahren aufgegeben wurde. Ich hatte Ihnen in der letzten Veranstaltung dann diese neue Meldung gezeigt: Immer weniger Babys in China: »Das Aus für die Ein-Kind-Politik sollte die Überalterung der chinesischen Gesellschaft stoppen, doch das scheint gescheitert zu sein: Die Geburtenrate lag 2020 so niedrig wie seit mehr als 40 Jahren nicht mehr.« Das Ende der seit 1979 geltenden umstrittenen Ein-Kind-Politik vor sechs Jahren hatte nur kurz zu einem leichten Aufschwung geführt, bis die Zahl der Geburten 2018 wieder unter den Stand von 2015 fiel. So gibt es heute 36 Prozent weniger Geburten als 2016.

Die Geburtenrate in China ist auf den niedrigsten Stand seit 1978 gefallen. Von offizieller chinesischer Seite wurde das auch mit der Corona-Pandemie begründet. Experten sehen aber die hohen Kosten für Wohnraum, Bildung und Gesundheit in China und die schwindende Bereitschaft zur Heirat als eigentliche Gründe.

Wegen der rückläufigen Geburtenrate und der stabil bleibenden Zahl der Todesfälle bewegt sich das Land damit auf ein Nullwachstum zu. Wenn der Trend andauere, werde es in einigen Jahren sogar einen Bevölkerungsrückgang geben. »Die Fruchtbarkeitsziffer der Frauen im gebärfähigen Alter sei auf 1,3 gefallen. Das ist deutlich niedriger als die 2,1, die Experten für eine stabile Bevölkerungszahl für notwendig halten.«

Und China wird mit vergleichbaren Problemen konfrontiert wie wir in Deutschland oder anderen europäischen Ländern: „Überalterung“ als ein Merkmal der demografischen Entwicklung.

»Die Zahl der Chinesen über 60 Jahre stieg seit 2010 um 5,44 Prozent auf 264 Millionen. Knapp jeder fünfte Chinese (18,7 Prozent) ist heute schon älter als 60 Jahre. Zugleich geht die Bevölkerungsgruppe im arbeitsfähigen Alter zwischen 15 und 59 Jahre weiter zurück.«

Ich hatte darauf hingewiesen, dass es interessante Parallelen zu den politischen Versuchen auch bei uns in Deutschland gibt, mit dieser Entwicklung umzugehen: »Als Reaktion auf Geburtenrückgang und Überalterung beschloss die chinesische Führung im Mai, dass auch drei Kinder pro Familie erlaubt sind. Außerdem bemüht sich die Regierung, es jungen Paaren leichter zu machen, Kinder zu haben. Die Kosten für Bildung wurden gesenkt, Finanzhilfen gewährt und Mutterschafts- oder Elternurlaub erleichtert.« Mit Ausnahme der bei uns nicht vorhandenen Begrenzung der Zahl der Kinder kommen einem die politischen Maßnahmen sehr bekannt vor. So hat es in Deutschland zahlreiche Versuche gegeben, durch familienpolitische Maßnahmen wie dem Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz ab dem vollendeten ersten Lebensjahr des Kindes oder dem Ausbau der Elternzeit- und Elterngeld-Regelungen Anreize zu geben, eine Familien zu gründen oder auszubauen.

Aber auch hier gibt es durchaus Parallelen: »In einer jüngsten Umfrage gab knapp die Hälfte der Frauen an, nicht heiraten zu wollen oder unsicher zu sein. Bei den Männern war es jeder Vierte. Mehr als die Hälfte meinte, dass Geburten und das Aufziehen von Kindern zu teuer seien. Auch verweisen Frauen häufig darauf, dass sich eine Mutterschaft negativ auf ihre berufliche Karriere auswirke.« Die Sorge der chinesischen Frauen, »dass sich eine Mutterschaft negativ auf ihre berufliche Karriere auswirke«, konnte wie schon in der Vorlesung gezeigt für die Frauen in Deutschland und Österreich empirisch nachgewiesen werden (vgl. dazu den Blog-Beitrag Die Geburt eines Kindes als „Fallbeil“? vom 19. Oktober 2021).

Das bedeutet aber auch, dass es in China nicht nur immer mehr ältere Menschen an sich gibt, sondern auch die Zahl der Pflegebedürftigen kontinuierlich ansteigt. Und China hat bislang kein Pflegesystem mit Altenheimen und ambulanten Pflegediensten entwickelt, wie wir das aus Deutschland kennen.

Das taucht seit einigen Jahren immer wieder mal in der Berichterstattung auf. Ein Beispiel aus dem Jahr 2019, also vor dem Ausbruch der Pandemie: Mit diesem Problem ist die Weltmacht China völlig überfordert: »Die Vergreisung bringt China in Bedrängnis: Bis 2050 ist jeder dritte Chinese Rentner. Im grotesken Missverhältnis zum weltweit größten Heer an Pensionären hinkt deren Versorgung weit hinterher. Sozialer Sprengstoff – und ein Alarmsignal für die Partei.«

»Einst war die Pflege Sache der Großfamilien. Doch Landflucht, modernes städtisches Leben und der Ein-Kind-Zwang führten zum gesellschaftlichen Wandel in städtische Kleinfamilien, zu denen durchschnittlich nur noch 3,1 Personen gehören. Sie sind kaum noch in der Lage, sich um Eltern und Großeltern zu kümmern … mehr als 96 Prozent aller gebrechlichen oder kranken Chinesen in den Städten (bleibt) nichts anderes übrig, als sich zu Hause von Fremden pflegen zu lassen. Doch gerade das ist eine personelle und finanzielle Herausforderung: Schon 2016 lebten in China immerhin 40,6 Millionen Menschen in den Städten, die nur eingeschränkt oder gar nicht mehr für sich sorgen konnten, darunter Millionen Demenzkranker. Diese gewaltigen Zahlen würde bis 2020 um mehr als die Hälfte ansteigen, so die Prognose. „Wir bräuchten für sie 6,57 bis 7,31 Millionen Pflegekräfte“«, wird aus dem „Jahresbericht 2018 zur Gesundheit alter Menschen in China“ der chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften zitiert. Und wies sieht die Realität aus? »Ende 2017 habe es aber erst zwei Millionen Pfleger in China, gegeben, darunter 300.000 mit qualifizierten Abschlüssen. Arbeitsmigranten vom Land, die von Krankenhäusern unter Vertrag genommen und provisorisch als medizinische Hilfskräfte angelernt wurden, machten die Mehrheit der Pfleger aus.«

Aber das Land versucht, hier auch neue Wege zu gehen. Dazu hatte ich Ihnen diese wirklich empfehlenswerte Reportage des Weltspiegels (ARD) gezeigt:

➔ Weltspiegel: Wenn der Roboter nach Oma schaut (06.11.2021)
Es ist Zeit für deine Tabletten: So tönt es aus dem Mini-Roboter der 65-jährigen Liu Xiuhua. Sie hat ihn seit zwei Monaten und ist begeistert von dem kleinen Helfer. In China wird an der Zukunft der Versorgung von alten Menschen gearbeitet.