Wie sieht es aus mit dem dritten Bestimmungsfaktor der demografischen Entwicklung? Einige Anmerkungen zum Wanderungssaldo

Wir haben ja schon in der Veranstaltung einen Blick auf die langfristige Entwicklung des Wanderungssaldos von 1950 bis 2019, dem Jahr vor der Corona-Krise, geworfen:

Anmerkung: Zahlen bis 1990: früheres Bundesgebiet; ab 1991: Deutschland

Wenn man sich den Verlauf des Wanderungsgeschehens seit 1991 anschaut, dann wird erkennbar, dass es sich bei den Wanderungen sicherlich um die am schwierigsten vorhersagbare Komponente handelt. Die Schwankungen sind doch erheblich.

Die großen Zuwanderungswellen wie auch die vier Einbrüche im Sinne eines negativen Wanderungssaldos hatten wir in der Veranstaltung besprochen. Aber schauen wir genauer auf den aktuellen Rand der Entwicklung.

Die Bedeutung der Wanderungsbewegung für die Demografie kann man diesem Zitat entnehmen:

»Ende 2020 haben in Deutschland nach einer ersten Schätzung des Statistischen Bundesamtes (Destatis) 83,2 Millionen Menschen gelebt. Aufgrund einer geringeren Nettozuwanderung und einer gestiegenen Sterbefallzahl bei voraussichtlich etwas weniger Geburten als im Vorjahr hat die Bevölkerungszahl damit erstmals seit 2011 nicht zugenommen. In den drei Jahrzehnten seit der deutschen Vereinigung war die Bevölkerung Deutschlands überwiegend gewachsen, mit Ausnahme der Jahre 1998 sowie 2003 bis 2010. Das Bevölkerungswachstum hatte sich jedoch ausschließlich aus dem positiven Wanderungssaldo ergeben – also dadurch, dass mehr Menschen zugewandert als abgewandert sind. Ohne diese Wanderungsgewinne würde die Bevölkerung bereits seit 1972 schrumpfen, da seither jedes Jahr mehr Menschen starben als geboren wurden.«

Das findet man in dieser Meldung des Statistischen Bundesamtes vom 12. Januar 2021: 2020 voraussichtlich kein Bevölkerungswachstum. Bevölkerungszahl bleibt voraussichtlich konstant bei 83,2 Millionen Menschen. Und dieser Meldung kann man zudem entnehmen, dass das erste Corona-Jahr verständlicherweise auch an den Migrationsbewegungen nach und aus Deutschland nicht spurlos vorbeigegangen ist, sondern ganz im Gegenteil auch hier richtige Schneisen geschlagen hat:

»Der Saldo aus Zu- und Fortzügen wird für 2020 zwischen +180.000 und +240.000 Personen geschätzt (2019: 327.060). Der Wanderungssaldo würde damit nach dem Höchstwert im Jahr 2015 (1.139.402) im fünften Jahr in Folge gegenüber dem Vorjahr abnehmen. Im Jahr 2020 dürften sich insbesondere Reisebeschränkungen durch die Corona-Pandemie und wirtschaftliche Folgen eindämmend auf die Wanderung ausgewirkt haben. Allein bis September 2020 ging die Zahl der Zuzüge um 25 % und der Fortzüge um 22 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück. Erfahrungsgemäß ist das Wanderungsgeschehen am Jahresende geringer, sodass für das Gesamtjahr 2020 mit einem etwa um 25 % bis 45 % niedrigeren Wanderungssaldo als 2019 zu rechnen ist.«

Moment, wird der eine oder andere einwenden: Das sind die Zahlen für das erste Corona-Jahr, also für 2020. Gibt es keine neueren Zahlen? Aber natürlich, Ihr Dozent aktualisiert das Material für Sie beständig, damit Sie immer mit dem frischesten Zahlensalat versorgt werden.

Im Janaur 2022 meldete sich das Statistische Bundesamt zu Wort mit dieser Nachricht: 2021 voraussichtlich erneut kein Bevölkerungswachstum. Bevölkerungszahl nach einer ersten Schätzung unverändert bei 83,2 Millionen. Die Bedeutung der Zuwanderung nach Deutschland wird dann in diesem Abschnitt erkennbar:

»Ende 2021 haben in Deutschland nach einer ersten Schätzung des Statistischen Bundesamtes (Destatis) 83,2 Millionen Menschen gelebt und damit etwa so viele wie Ende 2020 und Ende 2019. Die Ursache für die stagnierende Bevölkerungszahl war 2021 die gestiegene Sterbefallzahl, die deutlich höher war als die Zahl der Geborenen. Die Lücke zwischen den Geburten und Sterbefällen konnte allerdings durch die gestiegene Nettozuwanderung geschlossen werden. 2020 war die Nettozuwanderung noch gesunken.«

Und um die demografische Bedeutung der Wanderungsbewegungen hervorzuheben, schreiben die Bundesstatistiker: »In den drei Jahrzehnten seit der deutschen Vereinigung war die Bevölkerung Deutschlands überwiegend gewachsen. Ausnahmen bildeten lediglich die Jahre 1998 sowie 2003 bis 2010. Das Bevölkerungswachstum hatte sich jedoch ausschließlich aus dem positiven Wanderungssaldo ergeben – also dadurch, dass mehr Menschen zugewandert als abgewandert waren. Ohne diese Wanderungsgewinne wäre die Bevölkerung bereits seit 1972 geschrumpft, da seither jedes Jahr mehr Menschen starben als geboren wurden.«

Und wie war das nun genauer mit der Zuwanderung im vergangenen Jahr?

»Der Saldo aus Zu- und Fortzügen wird für 2021 zwischen +270.000 und +320.000 Personen geschätzt (2020: +220.251). Unter den Herkunftsländern trugen – ausgehend von den Angaben für die Monate Januar bis Oktober 2021 – insbesondere Rumänien, Syrien und Afghanistan zu den Wanderungsgewinnen bei.«

Zur Einordnung: Wie viele Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit leben eigentlich in Deutschland und aus welchen Ländern kommen diese Menschen vor allem? Dazu habe ich Ihnen diese Abbildung gemacht:

Und wie sich alles zusammen verändert

Zur Abrundung des Themas demografische Entwicklung möchte ich Sie bitten diesen Hintergrundbeitrag des Deutschlandfunks zu lesen (oder zu hören, der Podcast ist ebenfalls verlinkt). Das ist wirklich eine gute Zusammenfassung der aktuellen Entwicklungen und Diskussionen (zumindest für die Zeit bis zum Ausbruch der Corona-Krise im Frühjahr 2020):

➔ Deutschlandfunk: Demografie: Die Bevölkerungspyramide ändert sich (10.10.2019): »Entgegen früheren Prognosen schrumpft Deutschland nicht, im Gegenteil: Die Bevölkerung ist mit 83 Millionen auf eine Rekordmarke gestiegen. Die Geburten nehmen zu, es gibt mehr Zuwanderer und Hochbetagte, doch die Zahl der Erwerbstätigen sinkt. Das hat Auswirkungen auf die Zusammensetzung der Bevölkerung.« (Die Sendung als ➞ Audio-Datei).