2021 wurde so viele Kinder zur Welt gebracht wie zuletzt vor 25 Jahren. Ein Rekord. Und dann das: Höchstes „Geburtendefizit“ seit Ende des Zweiten Weltkriegs

Schaut man sich die vorläufigen Geburtenzahlen für das Jahr 2021 an, dann muss man feststellen: Seit langem wurden nicht so viele Kinder zur Welt gebracht wie im vergangenen Jahr. 1997 gab es das letzte Mal etwas mehr lebendgeborene Kinder als 2021. Es geht aufwärts mit den Geburtenzahlen:

Dann aber wird man mit so einer Meldung konfrontiert, parallel zur Veröffentlichung der vorläufigen Geburtenzahlen für 2021: Trotz gestiegener Kinderzahl: Höchstes „Geburtendefizit“ seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Was soll das denn, wird sich der eine oder andere fragen. Eine Rekord-Defizit? Wie passt das zusammen?

Die frustrierend daherkommende Meldung kommt aus dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung und die Schreiben dazu: »Obwohl in Deutschland zuletzt so viele Kinder geboren wurden wie seit 25 Jahren nicht mehr, hat das sogenannte „Geburtendefizit“ 2021 einen neuen Höchststand erreicht. Den rund 796.000 Neugeborenen standen im letzten Jahr etwa 1.024.000 Todesfälle gegenüber – dadurch errechnet sich ein Geburtendefizit von 228.000.«

Schauen wir uns das mal an in einer langen Zeitreihe von 1946 bis 2021:

»In Deutschland ist die Geburtenbilanz seit vielen Jahren negativ. Den letzten Geburtenüberschuss gab es 1971 − seitdem übersteigt die jährliche Zahl der Todesfälle die der Geburten. 1975 lag das Defizit schon bei -207.000, bevor es sich bis 1988 wieder erholte (-8.000). Anschließend hat sich der Wert tendenziell erneut vergrößert. Eine wesentliche Ursache für den momentanen Anstieg ist die zunehmende Alterung der Bevölkerung: Die gestiegene Lebenserwartung und das Nachrücken stark besetzter Jahrgänge in ein höheres Lebensalter haben die Zahl alter Menschen ansteigen lassen. Selbst eine konstante oder wachsende Kinderzahl führt dann zu einem steigenden Geburtendefizit. Dieser langfristige demografische Trend hat sich schon seit Jahren abgezeichnet. Der Einfluss der Corona-Sterblichkeit auf diese Entwicklung verstärkte den Effekt, war aber nicht maßgeblich.«

»2021 verzeichnete Deutschland im 50. Jahr in Folge ein Geburtendefizit. Insgesamt verstarben hierzulande in den letzten fünf Jahrzehnten gut 6,1 Millionen Menschen mehr als zur Welt kamen. Dass die Bevölkerungsgröße Deutschlands seit 1972 trotzdem um mehr als vier Millionen zugenommen hat, ist auf Zuwanderung aus dem Ausland zurückzuführen.«

Soweit zu den neuen Geburtenzahlen und ihrer Einordnung. Wir hatten uns in der Veranstaltung auch auseinandergesetzt mit der Entwicklung eines steigenden Alters der Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes. Hierzu kommen neuen Daten vom Statistischen Bundesamt: Bei der Geburt ihres ersten Kindes sind Frauen in Deutschland durchschnittlich 30,2 Jahre alt, so eine Meldung vom 3. Mai 2022: »In Deutschland waren im Jahr 2020 Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes im Durchschnitt 30,2 Jahre alt. Zehn Jahre zuvor lag das Durchschnittsalter noch bei 29,0 Jahren.« Auch die Randzonen der Verteilung werden beziffert: »Im Jahr 2020 kamen in Deutschland rund 360.000 Erstgeborene auf die Welt. Davon hatten 0,8 % (2.900) eine Mutter, die jünger als 18 Jahre alt war. Bei 2,9 % der Erstgeborenen (10.500) war die Mutter bei der Entbindung 40 Jahre und älter.«

Übrigens ist das keine Entwicklung nur bei uns: »Auch in den anderen Staaten der Europäischen Union bekommen Frauen immer später ihr erstes Kind. Im Jahr 2020 betrug das Alter der Erstgebärenden im EU-Durchschnitt laut Eurostat 29,5 Jahre. In Italien waren die Frauen bei Geburt ihres ersten Kindes mit im Schnitt 31,4 Jahren am ältesten, gefolgt von Spanien mit 31,2 Jahren … Am jüngsten waren die Erstgebärenden 2020 in Bulgarien (26,4 Jahre), gefolgt von Rumänien (27,1 Jahre) und der Slowakei (27,2 Jahre).«

Und schauen wir noch weiter über den deutschen oder europäischen Tellerrand. Die Entwicklung in China hatten wir ja bereits ausführlich behandelt. Dort geht der Absturz der Geburtenrate weiter – vgl. z.B. diese Meldung vom 23. November 2021: Geburtenrate in China fällt auf niedrigsten Stand seit 1978: »Die Geburtenrate in China ist auf den niedrigsten Stand seit dem Ende der Siebzigerjahre gefallen: Im vergangenen Jahr kamen zwölf Millionen Babys zur Welt – ein Rückgang um 18 Prozent. Das Statistikamt in Peking erklärte das auch vage mit der Corona-Pandemie. Doch Expertinnen und Experten sehen die hohen Kosten für Wohnraum, Bildung und Gesundheit in China und die schwindende Bereitschaft zur Heirat als eigentliche Gründe für die beunruhigende Entwicklung.«

Arbeitsauftrag: In dem Artikel über den erneuten Rückgang „der“ Geburtenrate in China – Sie haben bislang gelernt, dass es die zusammengefasste Geburtenziffer gibt, als ein Querschnitt in einem Jahr über alle Frauen im fertilen Alter sowie die endgültige Kinderzahl je Frau am Ende der fertilen Phase – finden Sie nun aber diese Operationalisierung der Geburtenrate, die offensichtlich nichts zu tun hat mit den Geburtenraten, die Sie kennengelernt haben:

»Die Geburtenrate im bevölkerungsreichsten Land rutschte mit 8,52 Neugeborenen auf 1.000 Menschen erstmals wieder in den einstelligen Bereich. Sie ist damit so niedrig wie seit 1978 nicht mehr.«

Das werden Sie in vielen Texten finden, dass man als „Geburtenrate“ eines Landes die Zahl der Geburten in Relation zur Einwohnerzahl des Landes setzt.*

➔ Bitte begründen Sie, was für die Verwendung dieser Definition von Geburtenrate spricht und versuchen Sie dann einem zweiten Schritt kritische Aspekte dieser Operationalisierung herauszuarbeiten, denen man sich bei der Interpretation bewusst sein sollte.

* Nur ein Beispiel aus den vielen Artikel, in denen diese Kennzahl verwendet wird: Das sind die Bundesländer mit den höchsten Geburtenziffern, so hat das Wirtschaftsmagazin „Capital“ einen Beitrag überschrieben. Darin werden die Bundesländer mit der „niedrigsten Geburtenrate“ so benannt: »Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Saarland, Sachsen-Anhalt, Thüringen: Diese fünf Bundesländer teilen sich Platz zwölf. Das Statistische Bundesamt registrierte bei ihnen 2018 jeweils acht Geburten je 1000 Einwohner.« Und wer lag an der Spitze? »Hamburg: Nirgendwo in Deutschland wurden anteilig mehr Kinder geboren als in Hamburg. Die Hansestadt verzeichnete 2018 laut dem Statistischen Bundesamt zwölf Babys je 1000 Einwohner. Das war ein Drittel mehr als der bundesweite Durchschnitt, der bei neun Neugeborenen lag.«

Und immer wieder und auch an entfernten Orten: Die Frage nach den Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf den Arbeitsmarkt

Wir sind ja bereits in den nächsten Schwerpunkt eingestiegen, also die Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf den Arbeitsmarkt, ganz korrekt müsste es heißen: auf die Arbeitsmärkte, denn wir haben ja ganz unterschiedlich konfigurierte Beschäftigungsfelder. Und das bewegt auch ganz andere Länder – beispielsweise die immer noch drittgrößte Volkswirtschaft der Welt: Japan.

Dazu habe ich diesen Bericht gefunden, der am 5. Mai 2022 veröffentlicht wurde: Japanische Bevölkerung schrumpft dramatisch: »Aufgrund der niedrigen Geburtenrate schrumpft die Bevölkerung Japans. Der Anteil der Kinder erreichte ein Rekordtief von 14,65 Millionen. Versuche, die Geburtenrate anzukurbeln, blieben bisher ohne Erfolg.« Offensichtlich gibt es hier Parallelen zu dem, was die Chinesen erleben. lesen wir weiter:

»Japans Bevölkerung schrumpft und altert im Rekordtempo. Die Zahl der Kinder bis 14 Jahre sank zum 1. April im Vergleich zum Vorjahr um rund 250.000 auf ein Rekordtief von 14,65 Millionen, wie aus Daten des Innenministeriums hervorgeht, die am Mittwoch vorgelegt wurden. An diesem Donnerstag begeht Japan den Tag des Kindes, ein Feiertag. Doch Versuche der Regierung, die Geburtenrate anzukurbeln, waren bisher ohne Erfolg.

Die Zahl der Kinder in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt schrumpft seit 41 Jahren in Folge. Der Anteil der Kinder an der Gesamtbevölkerung sank auf einen Tiefststand von nur noch 11,7 Prozent. Mehr als ein Viertel der seit Jahren schrumpfenden Bevölkerung des Landes ist bereits älter als 65 Jahre.

Angesichts der niedrigen Geburtenraten und kaum vorhandener Immigration altert Japan so schnell wie keine andere Industrienation der Welt. Ganze Landstriche sterben aus, Häuser stehen leer und verfallen, Schulen werden geschlossen. Viele Japanerinnen und Japaner heiraten immer später und schieben auch die Geburt des ersten Kindes hinaus. Vergangenes Jahr kam laut Medien die Corona-Pandemie hinzu, die viele Japanerinnen davon abgehalten habe, Kinder zu bekommen. Einige Sektoren der Wirtschaft wie die Baubranche, der Handel oder die Gastronomie leiden als Folge unter spürbarem Arbeitskräftemangel.

Japan, das stolz auf seine homogene Gesellschaft ist, scheut eine umfassende Immigration, obwohl die Bevölkerung seit Jahren schrumpft. Zwar gelang es der Regierung, dass mehr Frauen in den Arbeitsmarkt integriert wurden und ältere Japaner länger beschäftigt werden. Zudem konzentriert sich die Wirtschaft des Landes stark auf die Digitalisierung und Steigerung der Effizienz. Doch ohne ausländische Gastarbeiter geht es auch in Japan nicht mehr.

2019 legte die Regierung ein Programm auf, um verstärkt ausländische Arbeitnehmer anzuwerben. Doch die bürokratischen Hürden waren hoch, es kamen weniger Arbeitskräfte als erwartet. Mit der Pandemie kam die Zuwanderung dann ganz zum Erliegen, da Japan die Grenzen schloss. Das kulturell abgeschlossene Japan scheut sich laut Experten vor den Herausforderungen, die eine Öffnung für richtige Einwanderung mit sich bringen würde. Dazu gehöre auch die Angst vor mehr Kriminalität in einem Land, das bisher als eines der sichersten der Welt gilt.«