Positiv denken: Mit Bildung und Gesundheit gegen den Arbeitskräftemangel der Zukunft!?

Wir haben bei der Besprechung der kurzen Studie von Klüsener et al. 2019 aus dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung gesehen, dass dort im Kern auf drei Maßnahmen zur Bewältigung der Auswirkungen des demografischen Wandels auf den Arbeitsmarkt (bis 2030) gesetzt wird: Zum einen Investitionen in lebenslange Bildung, zum anderen zusätzliche Erleichterungen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Maßnahmen zur Gesundheitsförderung in Verbindung mit einer altersgerechten Arbeitsplatzgestaltung.

Im vergangenen Jahr hat sich speziell zu den beiden Aspekten Bildung und Gesundheit als Stellschrauben die Bertelsmann-Stiftung zu Wort gemeldet: Mit Bildung und Gesundheit gegen den Arbeitskräftemangel der Zukunft: »Der Anteil der Erwerbspersonen an der Bevölkerung geht in den nächsten Jahrzehnten drastisch zurück. Das hat gravierende Folgen für Wirtschaft und materiellen Wohlstand in Deutschland. Doch Bildung und Gesundheit sind wirkungsvolle Hebel, diese Entwicklung abzumildern. Sie können deutlich mehr Menschen in Arbeit bringen – und das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen um bis zu 3.900 Euro steigern.«

Schauen wir uns einmal an, was die schreiben:

»Durch den demografischen Wandel droht die Erwerbsbevölkerung in Deutschland bis zum Jahr 2050 um 5,1 Millionen zu schrumpfen. Investitionen in Bildung und eine bessere Integration von Menschen mit gesundheitlichen Beschwerden in den Arbeitsmarkt können aber die Beschäftigung erhöhen und den drohenden Arbeitskräftemangel teilweise kompensieren. Das ist das Ergebnis einer Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) in unserem Auftrag.

Setzt sich die bisherige, durch das Bildungsniveau der Eltern bestimmte Bildungsexpansion fort, kann den Simulationsrechnungen zufolge im Jahr 2050 die Schrumpfung der Erwerbsbevölkerung um etwa 745.000 Arbeitskräfte, also etwa 15 Prozent, abgefedert werden. Gelänge durch weitere Investitionen noch eine breitere Bildungsexpansion, könnte das Deutschland 2050 zusätzlich 60.000 und in der Summe etwa 800.000 mehr Erwerbspersonen bringen. Voraussetzung für diese Bildungsexpansion ist, dass es zusätzlich jeweils 25 Prozent einer Bildungsstufe schaffen, in die nächsthöhere Stufe aufzusteigen.

Der nur geringe Zuwachs an Erwerbspersonen bis 2050 erklärt sich dadurch, dass bei einer Bildungsexpansion junge Menschen länger in Ausbildung sind und in dieser Zeit dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen. Erst wenn sich die heute Jungen der Rente nähern, entfaltet die Bildungsexpansion ihre volle Wirkung. Die demografisch bedingte Schrumpfung bis zum Jahr 2080 (5,9 Millionen gegenüber 5,1 Millionen in 2050) würde so in der Summe dann um etwa 1,3 Millionen geringer ausfallen.

„Der demografische Wandel erfordert mehr Investitionen in Bildung. Menschen mit einem höheren Bildungsniveau sind seltener arbeitslos. Sie haben bessere Chancen auf attraktive Beschäftigung, bekommen ein höheres Gehalt und arbeiten auch mehr Stunden. Bildungsinvestitionen lohnen sich auch ökonomisch“, sagt unser Vorstandsmitglied Jörg Dräger.«

»Wenn in Zukunft zusätzlich zu einer breiten Bildungsexpansion auch Personen mit gesundheitlichen Beschwerden stärker am Arbeitsleben teilhaben könnten, ließen sich die negativen Effekte des demografischen Wandels weiter lindern. Gelänge uns das genauso gut wie dem Spitzenreiter Schweden, könnten im Jahr 2050 durch diese Kombination von Bildungsexpansion und Arbeitsmarktintegration in der Summe etwa 1,9 Millionen Menschen dem Arbeitsmarkt zusätzlich zur Verfügung stehen, im Jahr 2080 wären es etwa 2,3 Millionen. Der Schrumpfungsprozess ließe sich so insgesamt zu mehr als einem Drittel kompensieren.

Eine breite Bildungsexpansion wirkt sich langfristig auch positiv auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen aus, da mehr Menschen zum materiellen Wohlstand beitragen. Das reale BIP pro Kopf könnte dadurch im Jahr 2050 um fast 300 Euro höher sein (in Preisen des Jahres 2015) als wenn diese Bildungsexpansion ausbliebe. Im Jahr 2080 wäre das BIP pro Kopf 1.700 Euro höher als ohne Bildungsexpansion.

Noch größer wäre der Effekt, wenn zusätzlich mehr Menschen trotz gesundheitlicher Probleme in den Arbeitsmarkt integriert würden. Das reale jährliche Pro-Kopf-Einkommen stiege dann bereits im Jahr 2050 um etwa 1.500 Euro und im Jahr 2080 sogar um fast 3.900 Euro.«

Und hier die dazu gehörende Veröffentlichung. Bitte schauen Sie sich die mal kritisch an:

➔ Thomas Horvath et al. (2021): Effekte von Bildung und Gesundheit auf Erwerbsbeteiligung und Gesamtwirtschaft im demografischen Wandel, Gütersloh: Bertelsmann Stiftung, April 2021
»Während der demografische Wandel dazu führt, dass die Erwerbsbevölkerung in den meisten Industrienationen zunächst altert und anschließend schrumpft, können durch ein höheres Bildungs- und Gesundheitsniveau sowie durch eine bessere Integration von Menschen mit gesundheitlichen Beschwerden in den Arbeitsmarkt die Erwerbsbeteiligung erhöht und die demografisch bedingte Schrumpfung teilweise abgefedert werden. Das wirkt sich auch positiv auf die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts aus.«