Die Arbeitskräfte werden Mangelware und im Gesundheits- und Sozialwesen werden ganz viele zusätzliche Arbeitskräfte gebraucht. Das ist und wird ein Problem

Die Auseinandersetzung mit den allgemeinen Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf den Arbeitsmarkt hat sicher zeigen können, dass wir wahrlich vor einer „Zeitenwende“ stehen, denn wir kommen aus einer Zeit, in der es oftmals „zu viel“ Menschen gab, die keine Beschäftigung haben finden können („Massenarbeitslosigkeit“) und gehen über in eine Zeit des multiplen Mangels, der sich auch – nicht auf allen, aber vielen – Arbeitsmärkten niederschlagen wird. Das Material zu dem Thema, das ich Ihnen zur Verfügung gestellt habe, hat das eindrucksvoll in Umrissen beschreiben können.

Nun haben wir bei der Besprechung möglicher Lösungsansätze u.a. bereits die immer vorgetragene Forderung vieler Ökonomen nach mehr Zuwanderung diskutiert. Ich hatte darauf hingewiesen, dass dabei in vielen Medienberichten oft als eine Zahl genannt wird, dass wir mindestens 400.000 Menschen pro Jahr brauchen, die netto nach Deutschland kommen müssten, nur um das Arbeitsangebot stabil zu halten. Und netto ist nicht brutto, wie Sie wissen. Damit wären erhebliche sozialpolitische Herausforderungen verbunden, von der Wohnraumversorgung angesichts der ungleichen regionalen Verteilung der Zuwanderer über die Planung zukünftiger Kita- und Schulkapazitäten bis hin zu der Frage, wie man die Menschen, die zu uns kommen, wenn sie denn kommen, in unserer Gesellschaft integrieren kann.

In unserem Kontext besonders interessant ist die Tatsache, dass im personalintensiven Sozial- und Gesundheitswesen (das zudem auch noch relativ unempfindlich ist hinsichtlich der Personaleinsparungen im Gefolge der Digitalisierung, Roboterisierung und Automatisierung wie in der Industrie) bereits heute an vielen Stellen über einen eklatanten Fachkräftemangel geklagt wird – und zugleich ist dieser Bereich in einem doppelten Sinne von der demografischen Entwicklung betroffen:

➔ Zum einen steigt der Bedarf und die Nachfrage nach Leistungen im Sozial- und Gesundheitswesen aufgrund der demografischen Entwicklung bereits heute gesichert erheblich an, man denke hier allein an die zunehmende Zahl an Pflegebedürftigen. Das kann man relativ sicher (aber nicht genau, wie wir noch sehen werden) heute schon voraussagen.

➔ Zum anderen geht die besprochene demografische Entwicklung und dabei der Aderlass aufgrund des altersbedingten Ausscheidens der Baby-Boomer in den kommenden Jahren nicht an den vorhandenen Belegschaften in den Einrichtungen und Diensten des Sozial- und Gesundheitswesens vorbei. Auch dort werden viele ältere Beschäftigte in den kommenden Jahren die Berufsfelder verlassen und die müssen ersetzt werden – unabhängig von etwaigen Zusatzbedarfen.

In diesem Kontext ist es grundsätzlich hilfreich, wenn Arbeitsmarktforscher versuchen, eine Abschätzung der vor uns liegenden Auswirkungen der demografischen Entwicklung wie auch der strukturellen Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft auf die Arbeitsmärkte vorzunehmen. Das kann dann im positiven Sinne Schneisen schlagen im Sinne einer Veranschaulichung der möglichen Entwicklungsrichtung, wobei man die über komplexe Berechnungen ermittelten Zahlen niemals als eine exakte Vorhersage interpretieren sollte, dazu muss dort mit zu vielen Annahmen gearbeitet werden.

Ein Beispiel für den Blick von ganz oben auf das Thema:

»Die Alterung der Bevölkerung sorgt dafür, dass das Gesundheits- und Sozialwesen mit bundesweit sieben Millionen Beschäftigten im Jahr 2040 die meisten Erwerbstätigen stellen wird, ca. 660.000 mehr als noch in diesem Jahr. Dies geht aus einer Projektion des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) hervor. Die Corona-Pandemie dürfte das Wachstum der Branche zusätzlich verstärken.« Das hat das IAB am 12. Januar 2021unter der Überschrift Qualifikations- und Berufsprojektion: 2040 wird das Gesundheits- und Sozialwesen der größte Wirtschaftsbereich sein berichtet.  Zu der Studie vgl. auch meinen Beitrag Und der „Gewinner“ ist … Eine neue Qualifikations- und Berufsprojektion zeigt: 2040 soll das Gesundheits- und Sozialwesen der größte Wirtschaftsbereich sein vom 13. Januar 2021.

Nehmen wir einen Teilbereich des Sozial- und Gesundheitswesens, der immer wieder in den Medien auftaucht, gerade im Zusammenhang mit einer Klage über heute schon überall fehlende Fachkräfte: die Pflege.

„Heute fehlen bereits 200.000 Pflegekräfte. Und die Anzahl der Pflegebedürftigen steigt. Wir wissen, dass 2030 circa 500.000 Pflegekräfte fehlen werden. Eine vakante Stelle in der Pflege bleibt heute im Schnitt circa 240 Tage unbesetzt.“

Wer das gesagt hat? Die Präsidentin des Deutschen Pflegerats, Christine Vogler, im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt: „Wir wissen, dass 2030 circa 500.000 Pflegekräfte fehlen werden“, so ist das Interview mit ihr überschrieben.

Aber woher weiß die das? Wie kommt man auf so eine Zahl und wie muss man die einordnen (wenn die denn stimmt)? Und überhaupt: Welche Pflege meint Frau Vogler? Die ambulante und stationäre Altenpflege, die Krankenhauspflege?

Ganz offensichtlich müssen wir genauer hinschauen. Und das werden wir im nächsten Themenschwerpunkt versuchen.