Überall Personalmangel: Neben der Pflege wird auch immer wieder die Gastronomie genannt. Und dann die Hoffnung auf ausländische Arbeitskräfte

Ich hatte Ihnen in der letzten Veranstaltung einen Artikel aus der WirtschaftsWoche zur Verfügung gestellt, der sich auch mit dem Thema Fachkräfte- und Arbeitskräftemangel beschäftigt: „Der Personalnotstand in der Gastronomie in 5 Grafiken“, so ist der Beitrag von Volker ter Haseborg überschrieben: »Die Personal-Situation in der Gastro ist katastrophal. Eine Folge: Hoteliers und Restaurantbetreiber weiten ihre Ausgaben für Stellenanzeigen massiv aus, zeigt eine exklusive Stellenmarkt-Auswertung.«

»Es gibt wohl kaum eine Branche, die derart von den Corona-Maßnahmen betroffen war und ist wie die Gastronomie: Hotels, Pensionen und Restaurants mussten mehrfach schließen, konnten den Betrieb nur unter Auflagen wieder hochfahren. Kein Wunder, dass viele Beschäftigte sich einen anderen Job gesucht haben. Die katastrophale Personal-Situation macht sich jetzt bemerkbar. Denn seit dem Wegfall der Corona-Auflagen sind Hotels, Bars und Restaurants wieder voll.«

»Was fehlt sind die Mitarbeiter – und das bringt den Aufschwung in Gefahr. Wie verzweifelt die Firmen nach Verstärkung suchen, zeigt eine exklusive Auswertung von Stellenmarkt- Anzeigen, die die Personalmarktforschung Index Research für die WirtschaftsWoche erstellt hat.«

»So schalteten 58.000 Unternehmen von Januar bis April dieses Jahres insgesamt mehr als 400.000 Stellenanzeigen. Rund 220.000 Stellen wurden feilgeboten.« Aber auch das ist wichtig: »Im Vor-Corona-Jahr 2019, als die Gastronomie noch Rekord-Umsätze verbuchte, war die Personalnot ähnlich hoch.«

Auf alle Fälle ist die Personalsuche ein teures Unterfangen für die Unternehmen: »In diesem Jahr waren es von Januar bis April mehr als 100 Millionen Euro – allein für die Suche nach Gastro-Personal. 2019 betrugen die Ausgaben nicht mal 40 Millionen.« Aber das betrifft auch andere Branchen: »Insgesamt übrigens gaben Unternehmen aller Branchen von Januar bis April rund 1,9 Milliarden Euro für Stellenanzeigen aus – fast doppelt so viel wie im gleichen Zeitraum 2019.«

Hoffnung auf „Menschenfang“ in anderen Teichen

Ich hatte Ihnen dann ein Interview präsentiert aus der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“: Personalberater: „Dann werden wir uns um Arbeitskräfte aus Afrika und dem Nahen Osten bemühen müssen“: »Man werde in „neuen Teichen fischen“ müssen, um den Arbeitskräftemangel zu beheben, sagte Josef Buttinger, Geschäftsführer der Personalberatung Hill International … In Österreich sehe man das Potenzial an Arbeitskräften viel zu stromlinienförmig, sagt Buttinger. Er meint das nicht nur geografisch, auch, was Fähigkeiten und Leistungsmöglichkeiten potenzieller Arbeitnehmer betreffe, dächten viele Unternehmen zu eng.« Und in dem Interview wird ein Aspekt angesprochen, den wir schon bei der generellen Behandlung des Themenfeldes Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf den Arbeitsmarkt besprochen haben: die Bedeutung der Zuwanderung von Arbeitskräften – und damit Menschen – nach Deutschland (oder un seinem Fall nach Österreich).

Was versteht Buttinger unter „in neuen Teichen fischen“? Er hat ein doppeltes Verständnis davon:

»Einerseits sehe ich es geografisch. Dass wir unseren Arbeitskräftemangel über Osteuropa lösen – das ist vorbei. Die Arbeitslosenraten dort sind sehr niedrig, das Lohnniveau nähert sich dem unseren in etwa an, auch steuerlich haben die neuen EU-Länder viel gemacht. Andererseits sehe ich es inhaltlich: Wenn wir immer nur die fix-fertigen Top-Leute suchen, die Wunderwuzzis, werden wir scheitern. Man muss schon auch das Potenzial in Menschen sehen, bereit sein, in sie zu investieren.«

Das betrifft ältere Arbeitnehmer, die oft einfach nur aufgrund ihres Alters als nicht vermittelbar gelten – »und auch Menschen mit Beeinträchtigung. Hier herrscht in den meisten österreichischen Unternehmen immer noch ein sehr konservatives Denken. Nach dem Motto: „Wenn ich jemanden mit Beeinträchtigung nehme, muss ich mich dauernd um ihn kümmern, und ich kann ihn oder sie nicht mehr kündigen.“ Das stimmt so nicht. Wenn jemand schlecht sieht, braucht er oder sie vielleicht einfach einen anderen Bildschirm. Dass jemand mit Seh- Beeinträchtigung vielleicht genau deshalb viel genauer arbeitet, sehen viele Chefs nicht. Es geht darum, auf die Potenziale zu schauen – nicht auf die Beeinträchtigung.«

Zum Thema Zuwanderung bekommt er diese Frage: »Was, wenn Arbeitskräfte aus der Slowakei, aus Ungarn, Polen, der Ukraine, nicht mehr nach Österreich kommen, um hier zu arbeiten – etwa in der Gastronomie, aber auch im Pflegebereich?«

Seine Antwort: »Dann werden wir uns um Arbeitskräfte aus Afrika und aus dem Nahen Osten bemühen müssen.« Das löst auf der anderen Seite Nachfragen bzw. Zweifel aus: »Das ist schwer vorstellbar. Europa baut seit Jahren an einer Mittelmeer-Festung gegenüber Menschen aus diesen Ländern.« Dazu Buttinger: »Ich bin sicher, das wird sich in einigen Jahren radikal verändern. Einerseits, weil wir diese Arbeitskräfte wirklich dringend brauchen werden, andererseits, weil wir die Menschen auf Dauer dort nicht halten werden können. Wer einigermaßen aufmerksam die Weltpolitik verfolgt, sieht, dass es riesige Migrationsströme innerhalb von Afrika gibt. Millionen Menschen machen sich seit Jahren in Richtung Norden auf. Das hat mit der globalen Erhitzung zu tun, politische Gründe und hängt auch mit der wirtschaftlichen Ausbeutung dieser Länder zusammen.«

Der Interviewer lässt nicht locker und fragt zweifeldn nach: »Wie soll das funktionieren? Es gibt große Vorbehalte in Europa gegenüber Geflüchteten aus Afrika.« Dazu Buttinger: »Es wird passieren, ob uns das recht ist oder nicht. Natürlich birgt das kulturelle Herausforderungen in sich, aber es ist auch eine riesige Chance. Wir sollten das Potenzial dieser Menschen nutzen. Und, hier sprechen wir wieder von einem Vorurteil: Das Ausbildungsniveau in vielen afrikanischen Ländern ist mittlerweile top. Ärzte aus Nigeria etwa stehen europäischen Ärzten in nichts nach. Das Mindset in Europa muss sich ändern.«

Aber wie so oft im Leben: Einfacher gesagt als getan.

Wie sieht das eigentlich aus mit der Zuwanderung in Deutschland? Für 2021 gibt es jetzt vorläufige Zahlen

Am 20. Juni 2022 hat das Statistische Bundesamt diese Meldung abgesetzt: Bevölkerung Deutschlands im Jahr 2021 leicht gewachsen. Darin drei hervorgehobene Aspekte:

➞ Nach Rückgang 2020 erreicht Nettozuwanderung wieder annähernd das Niveau vor der Corona-Pandemie
➞ Weiterer steigender Überschuss der Sterbefälle über die Zahl der Geburten
➞ Ausländeranteil und Durchschnittsalter gestiegen

Zum Jahresende 2021 lebten gut 83,2 Millionen Personen in Deutschland und damit mehr als vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie im Jahr 2019. Wie das kommt?

»Diese Entwicklung ist vor allem auf einen Anstieg der Nettozuwanderung zurückzuführen. Diese ist im Jahr 2021 nach vorläufigen Ergebnissen auf 317.000 gewachsen (2020: 220.000) und hat sich dem Niveau vor Ausbruch der Corona-Pandemie angenähert (2019: 327.000).«

»Ende 2021 lebten 72,3 Millionen Menschen mit deutscher und 10,9 Millionen mit ausländischer Staatsbürgerschaft in Deutschland. Demnach stieg die Anzahl von Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft im Vergleich zu 2020 um 308.000 Personen. Die Anzahl der Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft sank um 226.000 Personen. Der Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung nahm gegenüber dem Vorjahr von 12,7 % auf 13,1 % zu.

Die Alterung der Gesellschaft schreitet weiter voran:

»Wie im Vorjahr stieg die Zahl der älteren Menschen im Jahr 2021 weiter an. So verzeichnete die Gruppe der Personen ab 60 Jahren einen Anstieg um 341.000 Personen auf 24,4 Millionen (+1,4 %). Dabei ist vor allem die Gruppe der Hochbetagten ab 80 Jahren auf 6,1 Millionen stark gestiegen (+175 000 bzw. +3,0 %).

Die Zahl der Seniorinnen und Senioren zwischen 60 und 79 Jahren betrug Ende 2021 18,3 Millionen (+166.000 Personen bzw. +0,9 %). Gleichzeitig sank die Zahl der Personen im Alter von 20 bis 59 Jahren auf 43,4 Millionen (-358.000 Personen bzw. -0,8 %). Die Zahl der Kinder und Jugendlichen unter 20 Jahren ist hingegen um 99.000 Personen oder 0,6 % auf 15,4 Millionen gestiegen.

Das Durchschnittsalter der Bevölkerung erhöhte sich geringfügig um 0,1 Jahre auf 44,7 Jahre.«