Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Geburtenrate und Lebenserwartung

Sie erinnern sich: Wir hatten in der Veranstaltung kurz andiskutiert, ob und welche Auswirkungen die Corona-Pandemie auf die Geburtenentwicklung gehabt hat. Es gab insbesondere mit Blick auf den Lockdown die These, dass sich das Runterfahren des öffentlichen Lebens neun Monate später bemerkbar machen wird in steigenden Geburtenzahlen. Nun aber wird man mit solchen Meldungen konfrontiert: COVID-19: Neun Monate nach dem Lockdown weniger Geburten in Europa: »In den meisten europäischen Ländern, so auch in Deutschland, ist es im Januar 2021 – 9 bis 10 Mo­nate nach dem ersten Lockdown – zu einem Rückgang der Geburtenrate gekommen, dessen Ausmaß laut einer Studie … mit der Dauer des Lockdowns zunahm.«

Zu Beginn der Pandemie war noch vorhergesagt worden, dass der Lockdown und die vermehrte Arbeit im Homeoffice einen Babyboom auslösen könnte. »Dies hat sich nach den jetzt von Léo Pomar von der Universitätsklinik Lausanne zusammen­getragenen Daten der „Human Fertility Database“ als frommer Wunsch erwiesen. Die Verun­sicherung durch die Pandemie und die Aus­wirkungen auf die persönliche Lage scheinen eher dazu geführt zu haben, dass Paare ihren Kinderwunsch zu­nächst einmal aufgeschoben haben.«

»In 22 der 24 Länder … kam es im Januar 2021 zu einem Rückgang der Geburtenrate. Am deutlichsten war er in Litauen (-28,1 %) und der Ukraine (-24,4 %). In beiden Ländern waren die Geburten bereits vor der Pandemie rückläufig (um jährlich 3,4 % in Litauen und 6,9 % in der Ukraine).
In Spanien verstärkte sich der Rückgang von 3,8 % auf 23,5 %, in Russland von 6,4 % auf 19,1 %. Auch Rumänien, das zuletzt eine gleichbleibende Geburtenrate hatte (0,1 %), wurde durch den Lockdown schwer getroffen. Die Geburtenzahl sank im Januar 2021 um 23,3 %.
In Spanien verstärkte sich der Rückgang von 3,8 % auf 23,5 %, in Russland von 6,4 % auf 19,1 %. Auch Rumänien, das zuletzt eine gleichbleibende Geburtenrate hatte (0,1 %), wurde durch den Lockdown schwer getroffen. Die Geburtenzahl sank im Januar 2021 um 23,3 %.
◊Deutlich geringer war der Rückgang in einigen zentraleuropäischen Ländern wie Tschechien und Ungarn (beide -3,2 %), Kroatien (-2,9 %) sowie den Niederlanden (-1,8 %) während es in Finnland (+0,5 %) und Dänemark (+1,9 %) sogar zu einer Zunahme kam.«

»In allen 24 Ländern zusammen betrug der Rückgang 14,1 %. Deutschland lag mit einem Rückgang um 7,1 % deutlich unter dem Durchschnitt, allerdings wurde der zuletzt erfreuliche Anstieg der Geburtenrate um 1,4 % pro Jahr erst einmal gestoppt.«

➔ Ein erster Blick auf die Größenordnung scheint die These nahezulegen, dass vor allem Länder mit einer niedrigen Wirtschaftsleistung betroffen zu sein scheinen von dem Rückgang der Geburtenrate. Aber: »In einer multivariaten Analyse blieb jedoch der Lockdown der einzige Einflussfaktor. Je länger das öffentliche Leben stillstand, desto größer war der Einbruch in der Geburtenrate.«

»Als mögliche Erklärung kommt die Angst vor einer Infektion während der Schwangerschaft infrage, die als unkal­kulierbares Risiko empfunden werden konnte, oder die Überforderung des Gesundheitswesens, die eine Geburt in der Klinik als ungewiss erscheinen ließ.«

Gibt es Hoffnung auf einer Veränderung? Die Datenlage am aktuellen Rand ist nicht eindeutig: »Die Hoffnung beruht auf einem „Rebound“-Effekt, bei dem die Geburtenzahlen nach dem Ende des Lockdowns deutlich ansteigen müssten. In einigen Ländern kam es tatsächlich zu einer Zunahme. In Deutschland stieg die Zahl der Geburten im Februar 2021 um 6,9 % und im März um 5,2 %. Im April waren es nur noch 0,24 % mehr als im Durchschnitt der letzten Jahre vor der Pandemie. Im Mai 2021 kam es erneut zu einem Rückgang um 1,99 %.«

Am 20. September 2022 veröffentlichte das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung diese Meldung: Wegen Corona: Geburtenziffer seit Jahresbeginn abrupt gesunken: »Die Geburtenziffer in Deutschland ist seit Beginn des Jahres deutlich unter das Niveau der Vorjahre gefallen. Während der Wert von 2015 bis 2021 noch zwischen 1,5 und 1,6 Kindern pro Frau pendelte, ist er zum Jahresanfang 2022 auf 1,3 bis 1,4 abgestürzt.«

Dazu wurde die Gesamtfruchtbarkeitsrate (TFR)1 auf Grundlage der monatlichen Geburtenstatistik saisonbereinigt dargestellt. Daraus ergibt sich ein massiver Rückgang der TFR um über 10 Prozent gegenüber den Jahren vor der Pandemie.

»Während in vielen europäischen Ländern die Fruchtbarkeitsziffer schon zu Beginn der Pandemie sank, blieb sie in Deutschland zunächst konstant, stieg sogar leicht an. Wie aus der neuen Studie hervorgeht, brach die TFR im Januar 2022 jedoch auch in Deutschland auf 1,38 ein und verharrte in den folgenden drei Monaten auf diesem Niveau. Eine wesentliche Ursache für die rückläufige Fruchtbarkeitsziffer sieht die Studie darin, dass Frauen beim Start der Impfkampagne im Frühjahr 2021 ihren Kinderwunsch zunächst zurückgestellt haben: „Es ist plausibel, dass sich manche Frauen erst impfen lassen wollten, bevor sie schwanger werden.“ sagt Dr. Martin Bujard, Forschungsdirektor am BiB. „Da die Impfung zunächst für Schwangere nicht empfohlen war, wurde der Kinderwunsch oftmals aufgeschoben.“ Im Mai 2022 zeichnete sich wieder eine leichte Erholung der Geburtenziffer ab (1,48), was auf ein Ende dieses Aufschubs deuten könnte. Wie die Entwicklung der Geburten in den kommenden Monaten weitergeht, ist derzeit noch unklar.«

Aber nicht nur die Geburtenrate war und ist betroffen von der Corona-Pandemie. Auch die Lebenserwartung hat es erwischt

»Die Lebenserwartung hat sich einer Analyse … zufolge in den europäischen Staaten in der Coronapandemie sehr unterschiedlich entwickelt. Während sie demnach in Bulgarien Ende 2021 um 43 Monate niedriger lag als 2019 noch, stieg sie in Norwegen um 1,7 Monate. Deutschland lag mit einer um 5,7 Monate geringeren Lebenserwartung im oberen Mittelfeld«, kann man diesem Artikel entnehmen: Sinkende Lebenserwartung. Wissenschaftler untersuchten die Entwicklung in 29 Staaten in den Jahren 2015 bis 2021, mit besonderem Augenmerk auf die beiden Pandemiejahre. »Belgien, Frankreich, Schweden und die Schweiz konnten das Sinken der Lebenserwartung im Jahr 2020 durch eine Steigerung der Lebenserwartung im folgenden Jahr demnach weitgehend ausgleichen. Auch Italien und Spanien zeigten 2021 eine deutliche Anhebung der Lebenserwartung, haben allerdings beide in der Summe der Pandemiejahre 7,4 Monate eingebüßt. Vor allem osteuropäische Staaten, mit Ausnahme Sloweniens, hatten in beiden Pandemiejahren eine Verringerung der Lebenserwartung zu verbuchen, beispielsweise in der Slowakei um 33,1 Monate. Das trifft zwar auch auf Deutschland zu, aber in erheblich geringerem Ausmaß (5,7 Monate). In den USA sank die Lebenserwartung 2020 und 2021 um 28,2 Monate.«

Während 2020 vor allem Menschen im Alter von 60 oder mehr Jahren starben, erhöhte sich 2021 die Sterberate bei den Unter-60-Jährigen. Das wird unter anderem auf den besseren Impfstatus der älteren Bevölkerung im zweiten Pandemiejahr zurückgeführt.

Insgesamt fanden die Wissenschaftler einen deutlichen Zusammenhang zu den Impfungen: »Je geringer der Anteil der vollständig Geimpften in einer Bevölkerung war, desto stärker sank auch die Lebenserwartung. In den meisten Staaten vergrößerte sich zudem der Unterschied zwischen den Lebenserwartungen von Frauen und Männern, besonders in den USA: Hatten Frauen vor der Pandemie eine um 5,72 Jahre höhere Lebenserwartung als Männer, so waren es 2021 nun 6,69 Jahre.«

Zu den angesprochenen Länder-Unterschieden: »In Dänemark, Finnland und Norwegen änderte sich die Lebenserwartung während der Pandemie nur geringfügig. „Hier können wir die Kombination von Kampagnen sehen, die Impfstoffe schneller an mehr Menschen als im Durchschnitt der Europäischen Union lieferten, mit wirksamen nicht pharmazeutischen Interventionen im Bereich der öffentlichen Gesundheit und hohen Basiskapazitäten der Gesundheitssysteme.“ In den USA hingegen verstärkte sich ein Trend, der sich schon vor der Pandemie abzeichnete: ein Sinken der Lebenserwartung im Erwerbsalter. Übergewicht und Krankheiten wie Diabetes könnten mit Gründe dafür sein.«

Durch statistische Analysen ermittelten die Forscher, dass das Sinken der Lebenserwartung überwiegend auf Covid-19 als Todesursache zurückzuführen war.

Auch zu diesem Thema hat sich das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BIB) zu Wort gemeldet, im August 2022 mit dieser Meldung: Corona-Pandemie: Lebenserwartung in Teilen Deutschlands stark gesunken: »Deutschland hat bei der Lebenserwartung im zweiten Pandemiejahr 2021 etwas stärkere Rückgänge verzeichnet als 2020. Im internationalen Vergleich steht das Land aber weiterhin relativ gut da. Allerdings zeigen erstmalige Berechnungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) für die Bundesländer, dass der nationale Durchschnitt erhebliche regionale Unterschiede verdeckt. In einigen Teilen Deutschlands ist die Lebenserwartung stark gesunken.«

»Demnach ging die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt in Deutschland im Verlauf des ersten Coronajahres 2020 bei Männern um 0,2 Jahre und bei Frauen um 0,1 Jahr zurück. Als 2021 die Alpha- und Deltavarianten dominierten, sank sie bei Männern um weitere 0,4 und bei Frauen um 0,3 Jahre. Mit gravierenden regionalen Unterschieden: In den besonders von Coronawellen betroffenen Bundesländern Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen lag die Lebenserwartung von Männern 2021 im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie rund eineinhalb Jahre niedriger, bei Frauen etwas mehr als ein Jahr. „In der Betrachtung zwischen 2019 und 2021 haben die südlichen Regionen Ostdeutschlands die stärksten Rückgänge verzeichnet“, erklärt Markus Sauerberg, Mortalitätsforscher am BiB. „Dabei gingen nicht nur Lebensjahre bei älteren Personen verloren. Bei Männern trug auch eine erhöhte Sterblichkeit im mittleren Alter zwischen 45 und 70 Jahren erheblich zu dieser Entwicklung bei.“ Am anderen Ende der Skala steht Schleswig-Holstein – hier kletterte die Lebenserwartung zwischen 2019 und 2021 bei Männern sogar um 0,2 Jahre, während Frauen einen vergleichsweise geringen Rückgang um -0,2 Jahre zeigten.«

»Vor dem Beginn der Pandemie war die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt in Deutschland jährlich um etwa 0,1 Jahr gestiegen. Eine sinkende Lebenserwartung von mehr als einem Jahr ist außerhalb von Kriegszeiten sehr ungewöhnlich: „Rückgänge in dieser Größenordnung wurden letztmals zum Ende der DDR verzeichnet“, betont Sebastian Klüsener, Forschungsdirektor am BiB. Die Zahlen belegen die Gefahr, welche vom Coronavirus ausgehen kann. Die starken regionalen Unterschiede verdeutlichen zusätzlich, dass neben den nationalen Rahmenbedingungen auch regionale Faktoren einen Einfluss auf die Sterblichkeit haben. Hierzu zählen etwa regionale Unterschiede in der Infektionslage, den ergriffenen Maßnahmen und dem Verhalten der Bevölkerung.«

1 Total Fertility Rate (TFR) = zusammengefasste Geburtenziffer. Die zusammengefasste Geburtenziffer ist eine hypothetische Kennziffer und gibt an, wie viele Kinder je Frau geboren würden, wenn für deren ganzes Leben die altersspezifischen Geburtenziffern des jeweils betrachteten Kalenderjahres gelten würden. Sie errechnet sich aus der Summe aller 30 beziehungsweise 35 altersspezifischen Geburtenziffern der Altersjahrgänge 15 bis 44 beziehungsweise 49 für ein Kalenderjahr. Die zusammengefasste Geburtenziffer ist die am häufigsten verwendete Kennziffer zur Charakterisierung des aktuellen Geburtenniveaus, weil die tatsächlichen durchschnittlichen Geburtenzahlen je Frau erst dann festgestellt werden können, wenn die Frauen das gesamte gebärfähige Alter durchlaufen haben. Der Ausweis, wie viele Kinder die Frauen tatsächlich bekommen, erfolgt in der Kennziffer „endgültige Kinderzahl“. Die zusammengefasste Geburtenziffer hat den Nachteil, dass sie durch das Vorziehen von Geburten in ein niedrigeres oder das Verschieben in ein höheres Lebensalter beeinflusst wird. (Quelle: BIB)