Von der Geburtenrate im gar nicht so fernen Japan und der Hoffnung, mit etwas Geld könne man da was machen

Als wir über die Bestimmungsfaktoren der demografischen Entwicklung besprochen haben, ging es immer wieder um „die“ Geburtenrate. Ich hatte Ihnen am Beispiel von China gezeigt, dass auch andere Länder, die weit weg sind von Deutschland, erhebliche Probleme haben aufgrund einer zu niedrigen Geburtenrate (vgl. dazu den Beitrag Von einem alternden Europa und was China mit dem Thema Geburtenrate (und deren sozialpolitische Auswirkungen) zu tun hat vom 18. Oktober 2022). Sie haben dort auch erfahren, dass man in China versucht, durch eine Veränderung der Familienpolitik Anreize zu setzen, (wieder) mehr Kinder in die Welt setzen zu lassen. Mit bislang mehr als begrenzten bzw. noch gar keinen Erfolg. Vgl. dazu aus der Vielzahl an Berichten den Beitrag Zu viel gebremst vom 15.11.2022: »Nach jahrzehntelanger Ein-Kind-Politik hat China das Bevölkerungswachstum im eigenen Land stark gebremst. Mehr noch: Die Bevölkerung schrumpft sogar. Das bringt Probleme mit sich.« In dem Artikel wird auf die enormen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verunsicherungen in China hingewiesen – die haben enorme Auswirkungen, denn „das macht es noch schwieriger, Frauen davon zu überzeugen, mehr als ein Kind zu haben oder überhaupt ein Kind zu bekommen.“

Aber in anderen Ländern sieht es nicht anders aus, beispielsweise in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt: Japan.

Und auch hier werden Sie damit konfrontiert, dass die Entscheidung für oder gegen ein Kind eben nicht nur eine rein private Sache (oder manchmal auch das Ergebnis eines Unfalls) ist, sondern in starkem Maße beeinflusst wird von den gesellschaftlichen Umständen, in denen die Menschen leben (müssen).

»Die japanische Regierung will Paaren mehr finanzielle Anreize geben, um Kinder zu bekommen. Doch welche Aussichten auf Erfolg hat das angesichts steigender Lebenskosten und stagnierender Löhne?« Diese Frage stellt sich Julian Ryall in seinem Beitrag Kann Japan die Geburtenrate steigern? Und auch hier taucht sie wieder auf, die Hoffnung auf Effekte einer entsprechend ausgerichteten Familienpolitik mit dem Ziel, die Geburtenrate zu steigern.

»Angesichts der stetig sinkenden Geburtenrate in Japan plant die Regierung, Paaren bei der Geburt eines Kindes weitere 80.000 Yen (556 Euro) zu zahlen. Ob sich diese Maßnahme angesichts steigender Preise und stagnierender Löhne als erfolgreich erweisen wird, ist allerdings fraglich.
Kritiker weisen darauf hin, dass schon in der Vergangenheit versucht wurde, das demografische Problem mit Geld zu lösen. Auch diesmal sehen sie wenig Aussichten auf Erfolg.
Frisch gebackene Eltern erhalten in Japan eine Einmalzahlung in Höhe von umgerechnet 2900 Euro. Das Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt schlägt vor, diese Summe auf 3450 Euro zu erhöhen. Die neue Prämie soll vom 1. April 2023 an, dem Beginn des kommenden Steuerjahres, ausgezahlt werden.«

Diese neuerlichen Aktivitäten wurden in Japan ausgelöst durch einen Blick in die Bevölkerungsstatistiken, also die haben das gemacht, was wir auch getan haben. Denn an den Zahlen »lässt sich ablesen, dass in Japan in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Paare bewusst die Entscheidung getroffen haben, aus finanziellen Gründen erst später zu heiraten und weniger Kinder zu bekommen.«

Nach den vorliegenden Daten wird die Bevölkerung in Japan, die im Jahr 2017 noch einen Höchststand von 128 Millionen erreicht hatte, bis zum Jahr Jahr 2021 auf 125,7 Millionen schrumpfen (was übrigens keine neue Erkenntnis ist, vgl. dazu bereits aus dem Jahr 2019: Japans Bevölkerung schrumpft rasant: »Niedrige Geburtenrate, steigende Lebenserwartung: Japan schrumpft und altert im Rekordtempo. Besonders die Wirtschaft bekommt die Folgen zu spüren.«)

Und der Blick auf die Geburtenentwicklung hat sich am aktuellen Rand weiter verdüstert: »Zahlen des japanischen Gesundheitsministeriums von Mitte September zeigen, dass in den ersten sechs Monaten dieses Jahres nur 384.942 Kinder geboren wurden – ein Rückgang von fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr.« Um das insgesamt einzuordnen: »Das Ministerium geht jetzt davon aus, dass die Gesamtzahl der Neugeborenen in diesem Jahr unter der Zahl von 811.604 im vorangegangenen Jahr liegen wird und voraussichtlich die Zahl von 800.000 unterschreiten wird. Seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1899 wurden in Japan noch nie so wenige Kinder geboren.«

Etwas Geld von der Regierung – hilfreich, aber keine echte Hilfe

Julian Ryall zitiert in seinem Beitrag ein konkretes Beispiel:

»“Das Geld von der Regierung war definitiv eine Hilfe, als unser Sohn auf die Welt kam. Wir sind dankbar dafür, aber es reichte trotzdem nicht, um die Krankenhauskosten zu decken“, erzählt Ayako, eine Hausfrau aus Tokio, die ihren Nachnamen nicht nennen will.
Ayako befand sich in einer besonderen Situation, weil sie einen Kaiserschnitt benötigte, doch im Schnitt kostet eine Geburt in Japan umgerechnet um die 3300 Euro … „Wir haben über ein weiteres Kind gesprochen und würden gerne noch eines bekommen, aber für den Moment haben mein Mann und ich entschieden, dass das nicht wirklich möglich ist“, erklärt Ayako … „Die 80.000 Yen wären zwar hilfreich, aber welche Kosten könnte man damit wirklich decken?“, fragt sie. „Ein Baby braucht Kleidung und Essen, es wird schnell groß und braucht noch mehr.“
„Ich nahm mir eine Auszeit von der Arbeit, was sich auf unser Einkommen auswirkte. Zwar hat mein Mann eine feste Stelle und verdient genauso viel wie vor der Pandemie, aber die Kosten für Dinge wie Grundnahrungsmittel und Brennstoffe sind in den letzten Monaten stark gestiegen.“«

Und dabei gibt es nicht nur Geld von der Regierung ganz oben:

»Nicht nur die Zentralregierung, auch regionale Behörden und viele Kommunen versuchen, Familien Anreize zu geben, mehr Kinder zu bekommen. Dazu gehören Autos und sogar mietfreie Wohnungen in ländlichen Regionen, die den Bevölkerungsrückgang am deutlichsten spüren.«

Was sagen die einheimischen Kritiker zu diesen Versuchen einer monetären Stimulation?

Da wird beispielsweise Noriko Hama, Professorin an der Doshisha Universität von Kyoto, zitiert mit einem wichtigen und sozialpolitisch höchst relevanten Hinweis: „Es geht nicht darum, jungen Menschen einfach Geld hinterherzuwerfen und zu erwarten, dass sie mehr Kinder bekommen. Die soziale Infrastruktur muss besser werden, damit Menschen sich sicher genug fühlen, Kinder zu haben. Im Moment sorgen sich die Menschen um das Umfeld, in dem sie Kinder großziehen müssen. Bis sich das verbessert, wird die Geburtenrate nicht steigen.“ In Japan mangelt es seit langem an Betreuungsplätzen für erwerbstätige Eltern. Unternehmungen mit der Schule, die Mitgliedschaft in Sportvereinen und die Betreuung nach Schulschluss kosteten ebenfalls Geld.

»Ein großer Kostenfaktor ist „juku“, der zusätzliche Unterricht, durch den sichergestellt werden soll, dass das Kind einen Platz an einer guten weiterführenden Schule und später an einer guten Universität erhält. Eine Hochschulausbildung dauert in der Regel vier Jahre und kann eine große finanzielle Belastung für Familien darstellen … „Die Gehälter sind seit mehr als einem Jahrzehnt nahezu unverändert geblieben, doch die alltäglichen Kosten steigen inflationsbedingt immer weiter. Der Druck ist also so hoch wie noch nie“, sagt Hama.«

Das klingt nicht so, als ob man mit (etwas) Geld die Entwicklung der Geburtenrate wird drehen können.