Wie viele Pflegekräfte fehlen heute schon und wie viele werden wir in der Zukunft brauchen? Einfache Fragen, aber schwer zu beantworten

Wir hatten in der vergangenen Woche den Arbeitsauftrag besprochen zum Thema Pflege. Dabei ging es u.a. um das „doppelte Demografie-Problem“, mit dem die Pflegekräfte in der Langzeit- bzw. Altenpflege konfrontiert sind. Wir haben dann in der Diskussion herausgearbeitet, dass es sogar ein „dreifaches Demografie-Problem“ gibt (Stichwort Renteneintritt der Pflegekräfte).

Wir haben auch die Aufgabe besprochen, welche Informationen man benötigt, um die Frage zu
beantworten, wie viele Pflegekräfte werden in den kommenden Jahren (bis 2030 bzw. 2040)
gebraucht, dazu sollten Sie die wichtigsten Einflussfaktoren auf den Personalbedarf nennen. Ich hatte Ihnen mit der folgenden Abbildung versucht, auf einer Seite die Parameter darzustellen, die man bei einer Abschätzung des Personalbedarfs berücksichtigen müsste, u.a. bei Berücksichtigung der Daten, die Sie der zur Verfügung gestellten Pflegestatistik entnehmen können.

In der Diskussion in der letzten Veranstaltung sollte deutlich geworden sein, dass eine Vorausberechnung des Personalbedarfs in der Altenpflege nicht nur von Seiten der zu erwartenden Nachfrage nach – welchen? – Pflegeleistungen aufgrund der Unsicherheiten der Bevölkerungsvorausberechnungen eine Herausforderung darstellen, sondern auch aufgrund der erheblichen Unsicherheiten das Pflegepersonal selbst betreffend. Diese Diskussion wird schon seit vielen Jahren geführt.

Hierzu ein Beispiel aus dem Jahr 2017, bei dem es um die Pflegekräfte insgesamt geht – und Sie wissen, wir haben ja nicht nur die Langzeit- bzw. Altenpflege, sondern mit der Krankenhauspflege eine zweite große Säule, wo Pflegepersonal benötigt wird:

»Alle reden vom Pflegenotstand, dabei ist der nicht überall gleich groß. Die Zahlen variieren je nach Studie, was auch mit den Interessen der Auftraggeber zu tun hat«, so Catharina Felke in ihrem Beitrag Wie viele Pfleger braucht das Land?, der am 18. April 2017 veröffentlicht wurde.

»Laut einer Studie aus dem Jahr 2010 werden 2025 rund 193.000 ausgebildete Pflegekräfte fehlen. Eine andere Studie aus demselben Jahr rechnet für 2030 mit 480.000 unbesetzten Vollzeitstellen. Die Bertelsmann Stiftung wiederum prognostizierte 2015 für denselben Zeitraum einen Mangel „in der Größenordnung von 100.000 bis 200.000 Vollzeitäquivalenten“ – sofern keine Gegenmaßnahmen gestartet werden.
Dass die Zahlen so unterschiedlich ausfallen, hat damit zu tun, dass manche nur die fehlenden Altenpfleger zählen, während andere auch Personal einrechnen, das keine Pflegekraft ist. Die Daten hängen auch vom Auftraggeber und Zweck der jeweiligen Studie ab. Dass viele Untersuchungen über den Pflegemangel diese Probleme aufweisen, stellte bereits 2012 das Institut für Pflegewissenschaft der Universität Bielefeld fest. Man müsse sich dem gesamten Bereich der Pflege und nicht nur einzelnen Teilaspekten widmen, mahnte die Leiterin des Instituts, Doris Schaeffer.«

Jonas Schreyögg von der Universität Hamburg wird mit kritischen Worten die Studien betreffend zitiert: „Die vorhandenen Studien zum Pflegepersonal beziehungsweise Fachkräftemangel sind überwiegend leider nicht brauchbar, weil sie immer wieder von irgendwem gesponsert werden.“

➔ »So wie beispielsweise die Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) von 2016. In einer ersten Version war der Name des Auftraggebers nicht angeführt, nun steht auf dem Coverblatt „Forschungsprojekt im Auftrag der Techniker Krankenkasse“. Laut der NGO LobbyControl gilt das Institut aus Essen als sehr wirtschaftsnah.« Diese Studie muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass die damalige Bundesregierung sogenannte Mindestpersonalvorgaben für den Krankenhausbereich (genauer: für bestimmte Bereiche der Kliniken) auf den Weg gebracht hatte. »Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass „gesetzlich vorgeschriebene Mindestbesetzungen innovationshemmend wirken“. Außerdem könne „kein akuter Handlungsbedarf in Bezug auf die eingesetzte Menge an Pflegedienst im Krankenhaus abgeleitet werden.“ Um diese Behauptung zu untermauern, wird der Bedarf an Pflegepersonal zum Beispiel ins Verhältnis zur Einwohnerzahl in Deutschland gesetzt. Dieser Rechnung zufolge liegt Deutschland bei der Ausstattung mit Pflegepersonal „nur knapp unter dem internationalen Durchschnitt“. Ist die Lage also doch nicht so verheerend wie von vielen proklamiert? Tatsächlich ist das Verhältnis von Einwohnerzahl und Pflegekräften kein geeigneter Indikator, um die Pflegesituation insgesamt zu beurteilten. Denn wie viele Pflegekräfte gebraucht werden, hängt auch davon ab, welche Fachabteilungen es in den Krankenhäusern einer bestimmten Region gibt. So benötigt eine Intensivstation mehr Personal als die dermatologische Abteilung. Welche Abteilungen in einem bestimmten Landkreis liegen, ist aber Zufall.« Es sei internationaler Standard, dass man sich ansieht, wie viele Patienten eine Pflegekraft pro Schicht betreut, so Schreyögg damals.

Auch Ihr Dozent hat sich schon vor längerem ausführlicher mit diesem Thema und den zu berücksichtigenden Aspekten beschäftigt. Das können Sie hier nachlesen:

➔ Sell, Stefan (2019): Wie viele Pflegekräfte in der Altenpflege müssen es denn sein? Von (un)sicheren Bedarfen und beweglichen Zielen bei der Diskussion über den bestehenden und kommenden Mangel an Pflegepersonal. Remagener Beiträge zur Sozialpolitik 23-2019, Remagen 2019

Und manche brauchen zu solchen Themen lieber was für die Augen und Ohren. Die folgende Doku des Fernsehsenders 3sat kann hier abgerufen werden:

➔ 3sat: IchDuWir – Wer pflegt wen? (20.09.2023)
Wir alle sind in unserem Leben auf Zuwendung und Versorgung durch andere angewiesen. Aber Sorgearbeit in Deutschland ist von gravierender sozialer Ungerechtigkeit geprägt. Wer diese Arbeit ausübt, ist meist weiblich, oft schlecht oder gar nicht bezahlt, in Teilzeit oder ehrenamtlich tätig und einem hohen Armutsrisiko ausgesetzt. Und trotz der existenziellen Bedeutung von Sorgearbeit erfährt die pflegende Person wenig Wertschätzung. Der Dokumentarfilm „IchDuWir – Wer pflegt wen?“ von Susanne Binninger thematisiert diese enorme Schieflage anhand von fünf bewegenden Geschichten und macht damit auch auf eines der großen gesellschaftlichen Probleme der Zukunft aufmerksam: Wie soll der steigende Bedarf an Pflegekräften gedeckt werden, wenn wir dieser Arbeit nicht den ihr angemessenen Wert zuerkennen? Damit verbunden sind die Fragen: Warum wird Sorgearbeit in unserer Gesellschaft immer noch überwiegend an Frauen delegiert? Welche Aufgaben schreiben wir dem Staat zu, welche uns selbst? Was definieren wir als menschenwürdige Pflege? Und wie sollte sie zukünftig organisiert und bezahlt werden.